Bern Grabung Bahnhofplatz

Bern Grabung Bahnhofplatz

Archäologie Bern – 2009 191 Der neue Bahnhofplatz in Bern Die archäologische Sicht Daniel Gutscher, Armand Baeriswyl und Daniel Kissling 1. Zur Entstehung des heuti- gen Bahnhofplatzes Der 2007 und 2008 erneuerte Bahnhofplatz liegt – ebenso wie die von der Sanierung mit betroffene Christoffelgasse, die Spitalgasse und der Hirschengraben – im Bereich der mittelalterlichen und barocken Altstadt Berns (Abb. 1). Die zähringische Gründungsstadt Bern er- streckte sich von der Spitze der Aarehalbin- sel bis zum Zytgloggeturm und schloss dort mit einer Stadtbefestigung, einer Mauer, ei- nem mächtigen Graben und einem Torturm. Das bedeutet, dass der Bereich des heutigen Bahnhofplatzes um 1200 weit vor den Toren lag – an der Ausfallsachse Richtung Murten und Freiburg. Das Areal diente als Allmend. Ausserdem hatten viele Stadtbürger dort ihre Gärten. Die Strasse bildete eine der Hauptver- kehrsachsen in West-Ost-Richtung durch die heutige Schweiz. An dieser Strasse entstand um 1220 das erste Spital Berns, das von den Hospitalitern vom Heiligen Geist geführt wurde. Es wurde an dem Ort errichtet, wo die Ausfallstrasse einen rung das Heiliggeistspital in die Stadt einbe- Abb. 1: Bern, Bubenberg- natürlichen Graben, einen ehemaligen Aare- zogen wurde. Abgeschlossen wurde sie gegen platz. Übersichtsaufnahme der Baustelle, Blick vom Hir- 1 lauf, querte. Westen mit einer mächtigen Befestigung, die schengraben Richtung Bahn- aus der eigentlichen Mauer und einem vorgela- hofplatz. In der Bildmitte Im Lauf der Jahrhunderte wuchs die Stadt gerten mauerbewehrten Graben, dem genann- Reste des Äusseren Ober- tores. und wurde mehrfach erweitert. Jede Erwei- ten natürlichen Aarelauf, bestand. Die innere terung schützte man dabei mit einer neuen Grabenmauer war über das Stadtinnenniveau Stadtmauer.2 Um 1344 erreichte das mittel- hinaus hochgezogen und bildete so eine Vor- alterliche Stadtwachstum seinen letzten Hö- mauer. Der Bereich zwischen dieser und der hepunkt, als die sog. «Heiliggeist-Neuen- eigentlichen Stadtmauer diente als Rondenweg 1 Baeriswyl 2003, 197–198. stadt» errichtet wurde. Der Name leitet sich und wurde «Zwingelhof» genannt. Sowohl Utz Tremp 1996. von der Tatsache ab, dass mit dieser Erweite- die Stadtmauer wie die innere Grabenmauer 2 Baeriswyl 2003, 222–224. 192 Abb. 2: Bern, Bahnhofplatz. Die barocke Situation im Be- reich des heutigen Bahn- hofplatzes mit spätmittelal- terlichem Heiliggeistspital, Christoffelbefestigung, Pferdeschwemme und Äus- serem Obertor. Das neue Heiliggeistspital fehlt noch (Johann Anton Herbort, Plan von Bern mit Befestigungs- projekt, 1730, Eidgenössi- sche Militärbibliothek, EMB, Schauenburg-Sammlung, Nr. 39, Ausschnitt). waren mit Türmen verstärkt. Vier Tore öffne- die Stadtmauer rund 9 Meter hoch aufragte. ten sich in der Mauer, das Haupttor war der Wer also von Westen her auf die Stadt zulief, mächtige Christoffelturm. Über den Graben konnte von der Kirche bloss die hoch aufragen- führte neben der Strassenbrücke ein separates den Bauteile, Giebel und Turm sehen (Abb. 3). Brückenbauwerk (Aquädukt) für das Bett des Die Repräsentationsfassade war konsequenter- Stadtbachs (Abb. 2). weise die auf die Gasse (Spitalgasse) gerich- tete Südfront. Westlich davon entstand vor dem Hintergrund des Dreissigjährigen Krieges in den Jahren Da das Areal des mittelalterlichen Spitals nun 1622–1634 ein zusätzliches Befestigungswerk, voll von der Kirche belegt war, musste für den die Schanzenanlagen mit Hirschengraben und zugehörigen Spitalbau ein neuer Standort ge- Äusserem Obertor. Die mittelalterliche Befes- funden werden. Nachdem man das Gebäude tigungslinie blieb aber in Funktion.3 erst östlich der Kirche platzieren wollte und dafür bereits die Häuserzeile bis zum Ryffli- Daran änderte sich nichts, als 1726–29 an gässchen abgebrochen hatte, entschied man der Stelle des mittelalterlichen Spitals an der sich auf den Rat des französischen Architek- Stadtmauer die heutige Heiliggeistkirche nach ten Joseph Abeille, das Gebäude westlich des Plänen Albrecht Stürlers erbaut wurde.4 Sie ist alten Standortes zu erbauen. Dort war mit der 3 Baeriswyl 2006. 4 Kat. währschafft 1994, 231– nicht zufällig ohne starken Dekor gegen Wes- Errichtung der barocken Schanzenanlage ein 236. ten, weil unmittelbar neben der Westfassade platzartiger Bereich entstanden, der sich zwi- Archäologie Bern – 2009 193 Abb. 3: Bern, Bahnhofplatz. Rekonstruktion der Westan- sicht der Heiliggeistkirche nach deren Vollendung bis zum Abbruch der Ringmauer im Jahr 1823. Die Kirche wird durch die Stadtmauer ver- deckt und ist flankiert durch XI XII I I X I I I X I I I I I I I I I V I V I V I V den Dittlinger-Turm links und den Christoffelturm rechts. Im Vordergrund einer der Halbrundtürme der inne- ren Grabenmauer. 0 20 m schen dem mittelalterlichen Christoffeltor und dem barocken Obertor erstreckte und dem- entsprechend «zwischen den Toren» genannt wurde, der heutige Bubenbergplatz. An sei- ner Nordseite entstand 1734–42 der Kom- plex des heutigen Burgerspitals nach Plänen von Joseph Abeille. Dieser Standort bedeu- tete, dass die beiden Bauten des Spitalkom- plexes, Kirche und Spitalgebäude stark sepa- riert und ohne Bezug zueinander waren, lag doch die mittelalterliche Befestigungsanlage mit Mauer, Türmen und Graben zwischen ih- nen. Dementsprechend ist auch der Spitalbau gegen Süden hin ausgerichtet und hat einzig auf den Platz hin eine Prunkfassade erhalten, während die gegen die mittelalterliche Befesti- gung gerichtete Ostfassade schlicht blieb. Die Entfestigung im Bereich des nachmaligen Bahnhofplatzes setzte bald nach 1800 ein, er- (Abb. 4). Der Freiraum zwischen Burgerspital Abb. 4: J. S. Weibel, «Der streckte sich aber über Jahrzehnte hinweg. und Stadtmauer hiess Hundmatte, was seine Zwingerhof in Bern, wie er war«, 1832. Der Graben ist Den Anfang machte der Regierungsbeschluss Nutzung verrät. bereits zugeschüttet und von 1806, das barocke Äussere Obertor ab- dient als Chaussee, dahin- zubrechen. An seine Stelle trat das Murten- 1823 wurde dann auch die nordseitige Ring- ter die innere Grabenmauer mit einem Mauerturm, tor, eine klassizistische Toranlage, die aus zwei mauer zwischen Aarbergertor und Christof- dann der teilweise mit Bäu- Pavillons und einem Gittertor bestand: Der feltor abgetragen.6 So erlebte man ab 1823 men bestandene, teilweise Übergang vom militärischen Befestigungs- erstmals die beiden Barockbauten Burgerspi- schon mit Häusern über- 5 baute Zwingelhof, zuhinterst bauwerk zur Zollstelle. Gleichzeitig wurde tal und Heiliggeistkirche zusammen. Nur für die Ringmauer. Darstellung der Graben beim Christoffelturm aufgefüllt. kurze Zeit allerdings, denn bereits 1856 be- von Norden, rechts die sog. Sowohl die innere Grabenstützmauer wie die gannen die Arbeiten für den 1860 fertig ge- Hundmatte. Stadtmauer blieben in voller Höhe, letztere stellten Bahnhof, dessen repräsentative Fassade inklusive Wehrgang und Dächlein erhalten. bis auf die gassenseitige Bauflucht von Hei- Die Darstellung von J. S. Weibel zeigt, wie liggeistkirche und Burgerspital vorgeschoben 7 5 Hofer 1952, 68. damals von der Heiliggeistkirche lediglich wurde. Die um 1890 entstandene Aufnahme 6 Türler 1896. das Giebelfeld hinter der Mauer hervorschaut zeigt dies eindrücklich (Abb. 5). 7 INSA 2, 456–458. 194 Abb. 5: Bern, Bahnhofplatz. Bahnhof und Heiliggeistkir- che um 1890. Abb. 6: Bern, Bahnhofplatz. diese Befestigungsanlagen nur bodeneben ab- Der Christoffelturm nach Be- gebrochen, so dass Reste in Form der Sockel- ginn der Abbrucharbeiten, Aufnahme wohl Januar/Feb- partien und Fundamente unter dem Strassen- ruar 1865. pflaster erhalten blieben. 1930 wurde die alte Bahnhofshalle, die seit 1891 nur noch als Aufnahmegebäude diente, um 30 m zurückversetzt, so dass ein kleiner Platz zwischen Bahnhof, Burgerspital und Heiliggeistkirche entstand.9 Jahrzehntelange Diskussionen über die Zu- kunft des 1891 zum Durchgangsbahnhof er- weiterten Komplexes führten 1956 zu einer Gemeindeabstimmung, bei der entschieden wurde, den Bahnhof an seinem bisherigen Standort zu belassen, aber vollständig zu er- 10 8 Bächtiger 1980. neuern. Der etappenweise Umbau erfolgte 9 INSA 2, 458. zwischen 1957 und 1974. Als man ab 1971 10 Bächtiger 1980, 219–221. als letzte Etappe an die Erstellung der un- 11 Die gesammelte Korres- pondenz zu diesem Ge- terirdischen Ladenpassage (Christoffel-Un- schäft sowie die Originale Im Frühjahr 1865 ging es dem letzten Zeu- terführung) ging, waren die unterirdischen der anschliessend durch Paul Hofer und Ueli Bellwald gen der mittelalterlichen Befestigung an den Reste der Christoffelturm-Befestigung längst vorgenommenen archäologi- Kragen. Am 15. 12. 1864 entschieden sich die in Vergessenheit geraten, so dass die aus- schen Untersuchungen und Stimmbürger mit 415 gegen 411 Stimmen für führenden Architekten entsprechende Hin- Notdokumentationen be- 11 finden sich im Archiv ADB, die Schleifung des Christoffelturmes, welche weise Paul Hofers in den Wind schlugen. Fp.-Nr. 038.140.1971.01. umgehend an die Hand genommen wurde Als beim Aushub die ersten Reste der Befes- Eine systematische Auswer- 8 tung steht aus. Vgl. Bächti- (Abb. 6). Wie sich bei den verschiedenen ar- tigung freigelegt wurden, war das Erstaunen ger 1980, 221–226. chäologischen Grabungen zeigte, wurden alle gross (Abb. 7–9). Archäologie Bern – 2009 195 Abb. 7: Bern, Bahnhofplatz. Die Reste der Grabenbrücke. Aufnahme August 1972, Blick nach Südosten. Gegen beträchtlichen Widerstand gelang es, Abb. 8: Bern, Bahnhofplatz. 1971–72 einige Dokumentationen vorzuneh- Das erste Brückenjoch von Süden, Aufnahme

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