Reichskommissariat Niederlande

Reichskommissariat Niederlande

REICHSKOMMISSARIAT NIEDERLANDE i 1 i SCHRIFTENREIHE DER VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE NUMMER 17 Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben von Hans Rothfels und Theodor Eschenburg Redaktion: Martin Broszat DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT STUTTGART KONRAD KWIET REICHS KOMMISSARIAT NIEDERLANDE Versuch und Scheitern nationalsozialistischer Neuordnung DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT STUTTGART D 188 © 1968 Deutsche Verlags-Anstalt GmbH., Stuttgart. Gesetzt aus der Monotype Walbaum-Antiqua. Umschlagentwurf: Edgar Dambacher. Gesamtherstellung: Buchdruckerei Georg Appl, Wemding (Bayern) Printed in Germany. Titelnummer 1477 INHALT EINLEITUNG. 7 I. VORGESCHICHTE A. Die deutschen militärischen Pläne und die Frage der niederländischen Neutralität. 15 B. Die Vorbereitung der Militärverwaltung. 50 II. DIE KURZE FRIST DER MILITÄRVERWALTUNG UND DIE ERNENNUNG DES REICHSKOMMISSARS A. Der Sechs-Tage-Krieg und die ersten Wochen der Besetzung .... 59 B. Hitlers Befehl zur Einsetzung des Pieichskommissars Seyss-Inquart . 46 C. Die rechtliche und organisatorische Grundlage des Reichskommissariats 55 Exkurs: Die Frage der Einsetzung eines Reichskommissars in Belgien 61 . III. POLITIK, ORGANISATION UND TATSÄCHLICHE MACHT- STRUKTUR DER DEUTSCHEN ZIVILVERWALTUNG A. Die anfänglichen Grundsatzerklärungen des Reichskommissars und die niederländischen Generalsekretäre. 69 B. Das Scheitern der Ambitionen des niederländischen Faschistenführers Anton Adriaan Mussert. 72 C. Struktur und politische Kräftegruppen des Reichskommissariats ... 78 1. Die formale Organisation. 78 2. Die tatsächlichen Machtverhältnisse. 81 a) Der Höhere SS- und Polizeiführer Rauter. 82 b) Der Generalkommissar zbV. Fritz Schmidt. 86 IV. DIE ANSÄTZE DER NAZIFIZIERUNGSPOLITIK UNTER DER DEUTSCHEN ZIVILVERWALTUNG A. Die Instruktionen Hitlers. 92 B. Das politische Konzept Seyss-Inquarts. 96 1. Die „Niederländische Union". 96 2. Die faschistischen Parteien. 103 3. Die „nationalsozialistischen Stillhaltekommissare". 107 C. Intentionen und Maßnahmen der SS. 109 V. VERHALTEN UND REAKTION DER NIEDERLÄNDISCHEN BEVÖLKERUNG IN DEN ERSTEN MONATEN DER BESETZUNG A. Die politische Verwirrung in den Sommermonaten. 117 B. Der Geburtstag des Prinzen Bernhard von Lippe-Biesterfeld. 121 6 Inhalt C. Die Reaktion der Sozialdemokraten. 126 D. Die Hoffnungen der NSB. 129 VI. DIE WEITERE ENTWICKLUNG DER DEUTSCHEN BESAT- ZUNGSPOLITIK . 140 SCHLUSSBETRACHTUNG. 152 QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS. 157 VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN. 167 VERZEICHNIS DER PERSONEN, INSTITUTIONEN UND ORGANISATIONEN. 169 EINLEITUNG Fünf Jahre nationalsozialistischer „Neuordnungs"- und Gewaltpolitik in den be- setzten Niederlanden haben in dem traditionell neutralen, seit den Napoleonischen Kriegen von Fremdherrschaft verschonten Land einen besonders schweren Schock ausgelöst und das Verhältnis zu den Deutschen nachhaltig belastet. Dennoch hat die deutsche Zeitgeschichtsforschung diesem Gegenstand bisher relativ wenig Beach- tung geschenkt, während die Flolländer selbst sich um eine minutiöse Aufklärung des Geschehens unter deutscher Besatzung bemühten. Dabei spielte sicherlich mit, daß die nationalsozialistische Besatzungspolitik in den Niederlanden im Sinne einer Erkenntnis der eigentlichen hegemonialen Ziele Hitlerscher Machtpolitik weniger charakteristisch und „ergiebig" erschien als z.B. die nationalsozialistische Politik in den besetzten Gebieten Polens oder der Sowjetunion. Ergibt sich doch eindrucksvoll aus den Quellen, daß Hitler das hauptsächliche Ziel nationalsozialistischer Raum- und Expansionspolitik stets im Osten gesehen hat, während die Besetzung Däne- marks und Norwegens, Hollands, Belgiens und Frankreichs offensichtlich primär aus militärisch-strategischen Gründen erfolgte und die nach der Besetzung venti- lierten Versuche politischer Neuordnung gleichsam nur experimentellen Charakter hatten und nicht mit Nachdruck und Entschlossenheit in Angriff genommen wurden. Hinzu kommt die offensichtlich verschiedene Qualität der Besatzungspolitik im Osten und Westen. Während in den polnischen und sowjetischen Gebieten der militärischen Eroberung die völkisch-rassische Kriegführung gegen die unterwor- fene, als „minderwertig" klassifizierte slawische Bevölkerung auf dem Fuße folgte und das Besatzungsgebiet alsbald großräumiges Experimentierfeld einer kolonialen Herrenrassenpolitik wurde, die die Vernichtung fremdnationaler Führungsschich- ten, des Judentums und Bolschewismus, die dauerhafte Unterdrückung und De- klassierung der slawischen Völker und zielstrebige deutsche Siedlungspolitik zur Voraussetzung hatten, unterblieben ähnlich gewaltsame Eingriffe zunächst in den westlichen Besatzungsgebieten. Auf die Kontinuität des Fernziels hegemonialer Lebensraum-Politik im Osten, das schon 1919/20 in den frühen Beden Hitlers anvisiert wurde, später in „Mein Kampf" (1924/26), dem „Zweiten Buch" (1928), in Hitlers „Gesprächen mit Bauschning" (1932/34), den Hoßbach-Aufzeichnungen (15. 11. 1937) stereotyp als Angelpunkt der außenpolitischen Zielvorstellungen Flitlers wiederkehrte, hat der englische Historiker Trevor-Roper mit besonderm Nachdruck hingewiesen1. Ver- glichen mit diesem Kardinalziel Hitlerscher Außenpolitik und Kriegsführung, müs- sen sowohl die bis 1938 im Vordergrund stehende nationale Revisionspolitik wie die 1 H.R. Trevor-Roper, Hitlers Kriegsziele, in: VJHZG, 8. Jg. 1960, S. 135. 8 Einleitung spätere deutsche Besatzungs- und Plegemonialpolitik in Südost-, West- und Nord- Europa als sekundär und subsidär erscheinen. Ernst Nolte hat dies unlängst auf die Formel gebracht, man müsse qualitativ verschiedene Ebenen und „Sinnstufen" der nationalsozialistischen Außenpolitik und Kriegführung unterscheiden: Während so- wohl die Politik zur „nationalen Restitution" Großdeutschlands als auch der zur Durchsetzung dieses (das europäische Gleichgewicht aufhebenden) Zieles gegen die Westmächte geführte Krieg um die kontinentale Hegemonie, einschließlich der Besetzung neutraler Länder (darunter auch der Niederlande), sich noch in den „alt- hergebrachten" Formen eines „europäischen Normalkrieges" gehalten haben, sei der schon mit dem Polenfeldzug begonnene, weltanschaulich und rassepolitisch motivierte Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten etwas grundsätzlich ande- res gewesen, wenngleich diese drei verschiedenen Ebenen des Krieges „in jedem Augenblick miteinander verknüpft" blieben2. Solche svstematische, begriffliche Unterscheidung hat unzweifelhaft ihre Berech- tigung. Sie unterlegt gleichwohl der nationalsozialistischen Außenpolitik und Krieg- führung ein Maß an politisch-ideologischer Rationalität und planvoller Zielstrebig- keit, das im Widerspruch steht zu einem anderen, ebenfalls durchgängigen Merkmal Hitlerscher Politik: Der Schritt für Schritt improvisierten Inangriffnahme neuer Ziele und Machtpositionen, die meist erst nachträglich einer „Weltanschauung" untergeordnet wurden, die dank ihrer Vieldeutigkeit solche opportunistische Politik des „pouvoir pour pouvoir" stets neu zu rechtfertigen erlaubte, weil sie selbst Aus- druck mehr einer explosiven machtpolitischen Energie als eines klar fixierten Pro- gramms war. Schon 1928 hatte Hitler erklärt: „wo immer unser Erfolg endet, er wird stets nur Ausgangspunkt eines neuen Kampfes sein"3. Aus solcher „Bewe- gungs"-Philosophie resultierte ein befremdliches Nebeneinander fanatischer Ent- schlossenheit zu großräumiger Machtexpansion überhaupt, bei gleichzeitiger Flexi- bilität und Improvisation der jeweiligen Schritte. Nahe Beobachter der Entschluß- bildung Hitlers haben darauf frühzeitig aufmerksam gemacht, so z. B. der ehemalige Chefdolmetscher Hitlers, Paul Schmidt, der schon in Nürnberg erklärte: die Durch- führung der aligemeinen, auf Beherrschung des europäischen Festlandes gerichteten Ziele der Naziführung habe stets „den Eindruck einer Improvisation" gemacht. „Jeder Schritt erfolgte, wie es den Anschein hatte, jeweils beim Auftauchen einer neuen Sachlage"4. So offenkundig die Vision eines gigantischen Lebensraumes im Osten in Hitlers außenpolitischem Denken eine zentrale und vorrangige Bolle gespielt hat, so enthielt das komplexe Gebilde nationalsozialistischer Weltanschauung doch auch Wunsch- bilder, die den hegemonialen Machtwillen in andere Richtung lenken konnten. 2 E. Nolte, Der Paschismus in seiner Epoche, München 1965, S. 452ff. 3 Hitlers Zweites Buch. Hrsg. v. G.L. Weinberg, Stuttgart 1961, S. 77, Vgl. dazu auch F. Dickmann, Machtwille und Ideologie in Hitlers außenpolitischer Zielsetzung vor 1955, in: Spiegel der Geschichte. Festschrift für M. Braubach. Hrsg. v. K. Repken und St. Skalweit, Münster 1964, S. 915. 4 Vgl. IMT, XXXII, PS-5508. Dazu auch L. Gruchmann, Nationalsozialistische Groß- raumordnung, Stuttgart 1962, S. 74. Einleitung 9 Das von Hitler von Anfang an befürwortete und erstrebte Zusammengehen mit dem faschistischen Italien, ebenso wie seine Bemühungen, zwischen der imperialen Übersee-Macht England und einer deutschen Vormacht auf dem Kontinent eine Interessenabgrenzung (auf Kosten der anderen Nationen) zu erzielen, machen evi- dent, daß sowohl die Tendenz zur Blockbildung mit anderen faschistischen Staaten und Begimen wie die rassepolitisch begründete Vorstellung germanischer Partner- schaft zumindest als Nebenmotive und Untertöne der nationalsozialistischen Außen- politik eine Rolle spielten. Überdies lag schon in dem großdeutschen Programm der NSDAP, ebenso wie dem der Alldeutschen vor 1914,die Tendenz, das Großdeutsche zum Großgermanischen Reich zu erweitern und außer Deutschösterreichern, Sude- tendeutschen und anderen „Grenz- und

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