Heimatarchiv der Gemeinde Walluf im Rheingau Extraausgabe 2016 der Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte Wallufer Villenviertel-Visite Die Gesamtanlage Bahnhofstraße / Schöne Aussicht und ihre einzelnen Kulturdenkmäler INHALTSVERZEICHNIS Bedeutung von Gesamtanlagen 3 Doppelhaus der besonderen Art (Bahnhofstraße 20) 4 Die Nebengebäude des Anwesens (Bahnhofstraße 20) 6 Villenviertelcharakter 7 Bahnhof und Postamt 8 Bahnhofstraße 12, 13, 14, 15, 16 und 18 9 Kleiner Exkurs Bürgertum und Stilpluralismus 11 Schöne Aussicht bis Hohlweg (Nr. 7, 9 und 11) 13 Schöne Aussicht ab Hohlweg (Nr. 4, 6, 8, 13 und Heilandskirche) 14 Ergänzendes Einzelobjekt (Nr. 20, außerhalb der Gesamtanlage) 18 Veränderungssperre (gegenwärtige Situation) 18 Begriffserklärungen (Glossar) 19 Zur Entstehungszeit des Villenviertels (Geschichtliche Einordnung) 19 IMPRESSUM Extraausgabe der „Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte“, Oktober 2016 Herausgeber: Heimatarchiv der Gemeinde Walluf im Rheingau Redaktion: Herbert Ujma Mitwirkung: Elke Detmann, Gerda Schmitt-Tessmann Quellen: Die Objektbeschreibungen basieren auf der Denkmaltopographie des Rheingau-Taunus-Kreises / I.2 Altkreis Rheingau“, mit freundlicher Genehmigung der Autorin Dagmar Söder; den weiteren Angaben liegen die Erinnerungen von Franz Courtial sowie eigene Recherchen, Befragungen und Einschätzungen zu Grunde. Lektorat, Korrektorat sowie fachliche Beratung: Dr. Edgar J. Hürkey, Kunsthistoriker und Museumsdirektor i. R. Gestaltung und Fotos: Herbert Ujma (Fotos, wenn nicht anders angegeben: 2016) Titelabbildung: Einfahrt und Garten der Villa Schöne Aussicht 4 Umschlagrückseite: Collage aus Zaun- und Torspitzen innerhalb der Gesamtanlage (Ujma); Skizze zum Anbau Bahnhofstr. 20 (Architekt Ferdinand Goldmann, 1890); Ausschnitt einer Skizze zum Bahnhofsneubau (Königliche Eisenbahndirektion, 1902); Turmspitzen innerhalb der Gesamtanlage (Ujma) Druck / Onlineversion: Kleinauflage vorbehaltlich einer Fassung innerhalb des Bandes 5 der „Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte“, der voraussichtlich 2018 erscheint. Als PDF-Download unter: http://www.walluf.de / Rathaus / Rathaus-Shop 2 Extraausgabe 2016 der Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte HEIMATARCHIV DER GEMEINDE WALLUF IM RHEINGAU Wallufer Villenviertel ist ortsbildprägend Auch bei den Anwesen aus der Zeit um 1900 ist ein hohes Maß an Sensibilität erforderlich Auf dem Grundstück Bahnhofstraße 20 (Abb. 1) Wer an der Erhaltung des historischen Ortsbildes droht eine massive Beeinträchtigung des Villen- interessiert ist, freut sich daher nicht nur über die viertelcharakters. Vor der aus anderen Gründen wachsende Zahl herausgeputzter Einzeldenkmäler, erlassenen, begrüßenswerten Veränderungssperre sondern auch über den Erhalt des Umfeldes, seiner war dort ein Bauvorhaben angemeldet worden. Anmutung und der Blickmöglichkeiten auf die Einzelobjekte. Darüber hinaus freuen sich histo- BEDEUTUNG VON „GESAMTANLAGEN“ risch Interessierte über die Erkennbarkeit sozialer Strukturen und Funktionen sowie baugeschicht- Die „Denkmaltopographie des Rheingau-Taunus- licher Entwicklungen. Und natürlich über die Kreises / I.2 Altkreis Rheingau“ (= Denkmaltop.) Details und den Phantasiereichtum der Architektur weist für Walluf eine große Zahl von einzelnen auch innerhalb einzelner Stilepochen. Kulturdenkmälern auf. Viele davon liegen in- nerhalb so genannter Gesamtanlagen (Ensem- Noch zwei weitere Ensembles in Niederwalluf sind bleschutz). Denkmalpflegerische Absicht ist der in die Denkmaltopographie aufgenommen worden: Schutz von bislang weitgehend erhaltenen Gebäu- Die relativ kleine „Gesamtanlage Hauptstraße 65- degruppen bzw. Straßenzügen bzw. Ortsvierteln. 70“ mit der Maschinenfabrik Hartmann & Bender Oder, noch umfassender, in Walluf die „Gesamtan- und die größere “Gesamtanlage Bahnhofstraße / lage Alter Ortskern Niederwalluf“. Schöne Aussicht“ (Abb. 2, S. 4). Sie besteht, grob Abb. 1: Noch ist der Blick aus Nordwesten auf die Doppelvilla Bahnhofstraße 19 und 20 frei. HEIMATARCHIV DER GEMEINDE WALLUF IM RHEINGAU Extraausgabe 2016 der Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte 3 Abb. 4: Wegekreuz an der Einmündung Hohlweg / Schöne Aussicht (2014). ters (Abb. 3). Sowohl die Bahnhofstraße als auch der Hohl- weg treffen hier auf die Straße „Schöne Aussicht“. Zudem ist dort ein Wegekreuz aus dem Jahr 1762 aufgestellt, unweit des ursprünglichen Standorts (wo der ehem. Frauen- steiner Weg von der Haupstraße abzweigte). Es ist 1992 restauriert worden (Abb. 4). DOppeLHAUS DER besONDEREN ART In Flur 12, historisch „Mückenberg“ und „Vorderer Galgengipfel“ der Gemarkung Niederwalluf, liegen zwischen der Bahnhofstraße und der Schönen Abb. 2: Gesamtanlage „Bahnhofstraße / Schöne Aus- Aussicht zwei Grundstücke. Ihre Nordostseite wird sicht“; Quelle: Denkmaltop. S. 1043. ebenfalls durch die Bahnhofstraße begrenzt, die hier – um ca. 75° abknickend – parallel zum Hohl- gesagt, aus den meisten Anwesen entlang der weg in die Schöne Aussicht mündet. Die scharfe Bahnhofstraße ab und incl. Bahnhofsgebäude und Ecke der Bahnhofstraße war dem für die Hohlweg- in der Schönen Aussicht mit den Nummern 7, 9, brücke aufgeschütteten Damm geschuldet, mit dem 11, 13 und 4, 6, 8 sowie der ev. Heilandskirche. der Hohlweg (früher „Sandweg“), über die 1856 eröffnete Eisenbahnstrecke geführt wurde. Die Charakteristik der Ge- samtanlage wird in der Denkmaltopographie als „Ansammlung von Villen und Wohnhäusern inmitten zum Teil recht umfangreicher Gartengrundstücke … in Reihe, jedoch nicht in strenger Bauflucht gruppiert“ beschrie- ben, „in der Bahnhofstraße ist kleinteiliges Basaltpflaster erhalten.“ Doch am Schnittpunkt Bahn- hofstraße / Hohlweg / Schöne Aussicht droht eine erhebliche Beeinträchtigung des bislang erhaltenen Villenviertelcharak- Abb. 3: Markant in Ecklage: Bahnhofstr. 19/20 von Osten (2014). 4 Extraausgabe 2016 der Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte HEIMATARCHIV DER GEMEINDE WALLUF IM RHEINGAU Abb. 5: Grundrißskizze: Schwarz = ursprüngliche Symmetrie; dunkelgrau = Anbau u. Erker. Abb. 6: Besondere Ziegelformen für die Fenster. / Abb. 7: Detail des gusseisernen Turmgeländers. Mittig auf der Grenzlinie Bahnhofstraße 19 und Die ursprünglich strenge Symmetrie wurde nun 20 wurde (lt. Denkmaltop. S. 1046) Jacob Kopp, durch eine Erweiterung der nordöstlichen Hälfte Bauunternehmer aus Eltville, am 23. Mai 1890 um ca. ein Viertel in Richtung Hohlweg aufgeho- der Bau eines „Landhauses“ genehmigt. Es war als ben. Hierbei wurde der vorgesehene Baustil auch in symmetrisch gespiegeltes Doppelhaus von Archi- den Details exakt beibehalten (Abb. 6). tekt Ferdinand Goldmann entworfen worden (Abb. 5). Wahrscheinlich erfolgte schon kurz darauf der Eine ebenfalls stilidentische, rein optische Ab- Verkauf des Grundstücks. grenzung eines Anbauteilstücks, mit Medaillons in den Wandfeldern, wurde nach oben verlängert Möglicherweise noch vor Baubeginn erwarben und als Turm mit einem Spitzhelm gekrönt, dessen Caspar Köppel die Südwesthälfte = Bahnhofstraße schmaler Umgang durch ein filigranes, gusseiser- 19 und C. Schäffer die Nordosthälfte = Bahnhof- nes Geländer gesichert ist (Abb. 7 und 10). Die als straße 20. Den Plan des Architekten übernahmen Schriftrelief im Helmsockel vorgesehene Benen- sie offenbar. Auf alten Liegenschaftsplänen ist nung der Schäffer‘schen Hälfte als „Villa Carlotta“ zunächst nur der „halbe“ Bau in der Bahnhofstraße wurde entweder nie realisiert oder später entfernt. 19 eingezeichnet, der inzwischen Franz Hartmann (Fa. Hartmann & Bender) gehörte. Der Anbau mit „Turm“ ergab eine attraktivere Er- scheinung des Doppelhauses, das laut Denkmalto- C. Schäffer hatte sich von dem o. g. Architekten pographie eine „besondere städtebauliche Wirkung eine Erweiterung und Aufwertung „seiner Hälf- aufgrund der Ecklage“ hat. Den gemeinsamen te“ projektieren lassen. Sie ist wohl erst um 1900 Giebel der beiden Häuser schmückt errichtet worden, dann aber gleich in dieser Form. ein Akroterion (Abb. 8). Abb. 8: Akroterion in Obeliskform. / Abb. 9: Das obere Turm-Medaillon. / Abb. 10: Turm von Südosten. HEIMATARCHIV DER GEMEINDE WALLUF IM RHEINGAU Extraausgabe 2016 der Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte 5 Abb. 11: Die Brüstung der Loggia an der Südostseite desWohnhaus. Abb. 12: Eisenzaun-Details und Abb.13: Hoftor-Schmuck. Abb. 14: Türklinke zur Waschküche (Garagengebäude). Die NebeNGEBÄUDE DES ANweseNS aber jedenfalls der Flächenerweiterung im Oberge- schoss. Der offene Sitzplatz im Hochparterre wurde Vermutlich bereits 1890, jedenfalls vor 1928, wurde – durch die erforderlichen Stützen für das darüber auf dem ansonsten noch unbebauten Flurstück liegende „Erkerzimmer“ sowie durch eine verglaste Bahnhofstraße 20 eine schmucke Stallung errich- Schließung seiner Südwestseite – zu einer Loggia tet: ein nicht unterkellertes Nebengebäude, dessen mit Gartentreppe (Detail-Abb. 13). Erdgeschoss aus der Remise und dem Pferdestall bestand (Abb. 11). Das Dachgeschoss mit Fach- Möglicherweise erst 1942 oder früher ist ein werksockel und -giebel diente hauptsächlich als Garagengebäude (Abb. 14) auf dem Grundstück Speicher. Die Stallung könnte im Vorgriff auf das errichtet worden. Jedenfalls ist es vollständig in der Wohngebäude Bahnhofstraße 20 von dessen Bau- gleichen Bauweise und Optik wie das Hauptgebäu- herrn errichtet worden sein oder ggf. noch vom de ausgeführt. Außer dem Garagenraum befindet Gesamt-Eigentümer der Bahnhofstraße 19/20. sich unter dem Walmdach noch ein kleiner, seitlich separat zugänglicher Raum (Detail-Abb. 15) mit Die Stallung ließ Eva Luh als Bauherrin 1949 ohne Änderung der äußeren Kubatur zu einer Wohnung
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