
10.3726/92121_331 331 FLORIAN KAPPELER Versuche, ein Mann zu werden. Psychotechnik, Psychiatrie und Männlichkeit in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ Zwischen wieviel Vorstellungen schwankt und schwebt nicht schon ein so einfacher Begriff wie der von der Männlichkeit! (MoE, 574) Hat Wissen ein Geschlecht? Was haben Wissen, Geschlecht und Literatur miteinander zu tun? Wie kann dieser Zusammenhang analysiert werden? Das Verhältnis von Wis- sen und Literatur anhand von Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften (MoE) zu diskutieren, ist nichts Neues: Der MoE wurde bereits des Öfteren als Diskursenzyklo- 1 pädie (Walter Moser) historischer Formen von Wissen gelesen. Dagegen ist der Ro- man erstaunlicherweise selten explizit geschlechtertheoretisch analysiert worden. Die wenigen genderorientierten Untersuchungen beziehen sich allerdings kaum auf den 2 Zusammenhang von Wissen und Geschlecht. Dabei postuliert etwa der Historiker Wolfgang Schmale, der MoE könne geradezu als „Emblem [zeitgenössischer] Debatten über die Krise der Männlichkeit firmieren“3, ohne dies näher auszuführen. Michael Titzmann geht sogar davon aus, das grundlegende diskursübergreifende und -verbin- 4 dende Objekt sei Geschlecht. Inspiriert durch diese Thesen soll im Folgenden exemp- larisch der Zusammenhang psychotechnischen bzw. psychiatrischen Wissens und männ- licher Vergeschlechtlichung diskutiert werden. 1 Walter Moser: Diskursexperimente im Romantext. Zu Musils DMoE. In: U. Baur, E. Castex (Hrsg.): Robert Musil. Untersuchungen, Königstein/ Ts. 1980, S. 170–197; Gerhard Meisel: Liebe im Zeitalter der Wissen- schaften vom Menschen: das Prosawerk Robert Musils, Opladen 1991; Christoph Hoffmann: „Der Dichter am Apparat“. Medientechnik, Experimentalpsychologie und Texte Robert Musils 1899–1942, München 1997; Christian Kassung: EntropieGeschichten. Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ im Diskurs der modernen Physik, München 2001; Albert Kümmel: Das MoE-Programm: eine Studie über geistige Organisation, München 2001; Bernd Blaschke: Der homo oeconomicus und sein Kredit bei Musil, Joyce, Svevo, Unamuno und Céline, München 2004. 2 Die vorliegenden geschlechtertheoretischen Studien thematisieren fast ausschließlich die geschlechtliche Darstellung einzelner, zumeist weiblicher Figuren, vgl. Ina Hartwig: Sexuelle Poetik. Proust. Musil. Genet. Jelinek, Frankfurt a. M. 1998; Marja Rauch: Vereinigungen. Frauenfiguren und Identität in Robert Musils Prosawerk, Würzburg 2000; eine Ausnahme ist Roger Kingerlee: Psychological Models of Masculinity in Döblin, Musil, and Jahnn. Männliches, Allzumännliches, Lampeter 2001. Ansonsten wird die Vergeschlecht- lichung von Wissen nur in Einzelfällen kurz angesprochen. Kümmel sowie Blaschke (wie Anm. 1) kommen aber m. E. nicht über die allgemeine Feststellung heraus, die Diskurse im Roman seien eher männlich geprägt. Gunther Martens (Beobachtungen der Moderne in Hermann Brochs Die Schlafwandler und Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Rhetorische und narratologische Aspekte von Interdiskursivität, Mün- chen 2006) stellt zumindest die Frage, wie Wissen und Geschlecht zusammenhängen, ohne sie ausführlich zu beantworten. 3 Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450–2000), Köln u. a. 2003, S. 231. 4 Michael Titzmann: Revolutionärer Wandel in Literatur und Wissenschaften. In: K. Richter, J. Schönert, M. Titzmann (Hrsg.): Die Literatur und die Wissenschaften 1770–1930, Stuttgart 1997, S. 318. 332 Florian Kappeler I. Im Kontext der Debatten um die gesellschaftliche Produktion, Verteilung und An- eignung von Wissen wird zunehmend auch das Verhältnis von Wissen und Literatur erforscht. Dabei wird Wissen in literarischen Texten ebenso thematisiert wie die 5 Literarizität oder Poetizität von Wissen. Inzwischen wird des Öfteren auch die Frage nach dem zugrunde zu legenden Begriff des ,Wissens‘ aufgeworfen. Einige Ansätze sowie der Großteil der diesbezüglichen Musil-Forschung beziehen sich auf die Dis- kursanalysen von Michel Foucault. Dieser versteht in seiner methodologischen Schrift 6 Archäologie des Wissens Wissen bzw. Diskurse als Serien historisch geregelter Objekt- konstruktionen, Subjektpositionen, Begriffssysteme und Themen. In anderen Worten: Seine Diskursanalyse untersucht, was von wem über was auf welche Weise wo und wann wirklich gesagt werden konnte. Wissen ist demzufolge nicht das Produkt der Forschung gegebener Subjekte an gegebenen Objekten, es ist vielmehr durch eine spezifische Form der Konstituierung von Objekten und Subjekten gekennzeichnet. Dabei muss es sich nicht um wahres, gerechtfertigtes (wissenschaftliches) Wissen handeln. Foucaults Diskursanalyse untersucht weniger die Verifikationsnormen als die Produk- 7 tionsformen von Wissen. Für literaturtheoretische Untersuchungen erscheint es einerseits sinnvoll, sich an diesen Wissensbegriff anzulehnen. Da er extensiver ist als der meist verifikationszen- trierte Begriff der , Wissenschaft‘ ermöglicht er es, auch nicht im strengen Sinne wis- senschaftliches Wissen zu analysieren, welches gleichwohl Regelmäßigkeiten und Re- geln aufweist. Andererseits interpretiert die Diskursanalyse zumeist keine Einzeltexte, sondern untersucht die Häufungen, Rekurrenzen und Persistenzen von Diskursele- menten, die in verschiedenen Texten auffindbar sind. Literatur kommt aus diskursana- lytischer Perspektive keine Eigenlogik zu. Dagegen postuliert eine an Foucault an- knüpfende neuere Forschungsrichtung, die Poetologie des Wissens, dass Wissensproduktion poetische Verfahren impliziert, die Literatur und Wissen gemeinsam sind. Ihr Ziel ist demnach, „das Wissenssubstrat poetischer Gattungen und die poetische Durchdrin- 8 gung von Wissensformen aufeinander zu beziehen“. 5 Joseph Vogl: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, München 2002; Christine Maillard, Michael Titzmann (Hrsg.): Literatur und Wissen(schaften) 1890–1935, Stuttgart, Weimar 2002; Bernhard Dotzler, Sigrid Weigel (Hrsg.): „fülle der combination“. Literaturforschung und Wissenschafts- geschichte, München 2005; Nicolas Pethes: Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. In: I ASL 28/2003, S. 181–231. 6 Michel Foucault: Archäologie des Wissens, Frankfurt a. M. 1981, bes. S. 49 f., 110, 258. 7 Tilmann Köppe hat in dieser Zeitschrift gegen einen solchen Begriff von Wissen argumentiert. Im An- schluss an die Kritik von Roland Borgards wäre zu fragen, ob eine rein verifikationstheoretische Definition von Wissen nicht reduktiv ist, da sie die Produktion von Wissen nicht in den Blick bekommt: Wissen konstituiert sich nicht exklusiv durch Wahrheit, sondern auch durch gesellschaftliche Regeln, die z. B. definieren, was als Wissensobjekt gelten kann, wer berechtigt ist, darüber zu sprechen etc. – und diese Aspekte von Wissensproduktion können sehr wohl auch anhand literarischer Texte untersucht werden. Es ist dagegen unscharf, von Meinungen oder Auffassungen zu sprechen (so Köppes Vorschlag), wenn es sich um Aussagen handelt, die institutionell verbindlich geregelt sowie zeitlich und materiell persistent sind. Zur Debatte in der Z. f. Germ. vgl. Tilmann Köppe: Vom Wissen in Literatur (2/2007; ders.: Fiktionalität, Wissen, Wissenschaft (3/2007); Roland Borgards: Wissen und Literatur (2/2007); Andreas Dittrich: Zum Konflikt zwischen Erkenntnistheorie und Wissensgeschichte (3/2007). 8 Vogl (wie Anm. 5), S. 14; vgl. Arne Höcker, Jeannie Moser, Philippe Weber (Hrsg.): Wissen. Erzählen. Narrative der Humanwissenschaften, Bielefeld 2006. Es geht nicht um den Nachweis, literarische Texte Psychotechnik, Psychiatrie und Männlichkeit in R. Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ 333 Eine solche Perspektive ermöglicht es, das Verhältnis von Wissen, das in nicht als literarisch geltenden Texten repräsentiert ist, und dessen Darstellung im literarischen Text zu bestimmen. Dieses Verhältnis muss keineswegs komplementär sein. So geht Robert Musil in seinem poetologischen Essay Ansätze zu neuer Ästhetik (1925) davon aus, dass die Kunst „die Aufgabe unaufhörlicher Umformung und Erneuerung des Bildes von der Welt und des Verhaltens in ihr [hat], indem sie durch ihre Erlebnisse die Formel der Erfahrung sprengt“.9 Mit „Formel der Erfahrung“ ist die gesellschaftliche Regelung der Verwendungsweise von Worten gemeint, die jeder Äußerung vorausgesetzt ist: die Dis- kurse. Aber „die Zwischentöne [. .], in der Dichtung der irrationale Simultaneffekt sich gegenseitig bestrahlender Worte [. .], sprengen [. .] das stumpfe, eingeschlagene Bild 10 und die Formelhaftigkeit des Daseins“. Insofern kann der literarische Text als spezi- fischer Interventionsversuch in diskursive Konstellationen gelesen werden. II. Diese Intervention bezieht sich bei Musil nicht allein auf die Regelungen bestimm- ter Wissensformen, sondern auch auf deren Vergeschlechtlichung. Darunter soll eine interdiskursive Praxis verstanden werden, die sich in Formen von Wissen und in Lite- ratur einschreiben kann. Wird Wissen im Anschluss an Foucaults Diskursanalyse defi- niert, so liegt es nahe, z. B. nach der Vergeschlechtlichung von Subjektpositionen, Ob- jektkonstitutionen und Begriffen bestimmter Formen von Wissen zu fragen: Wer hat Zugang zu Wissensproduktionen, (wie) werden Subjekte, Objekte oder Begriffe als weiblich, männlich oder in anderer Weise geschlechtlich dargestellt? Das Wort „Dar- stellung“ verweist dabei bereits auf eine narrative und rhetorische Komponente von Genderkategorien. Die Produktion von Geschlecht impliziert ebenso wie die von Wissen 11 poetische Verfahren. produzierten Wissen, das von literaturexternen Wissensformen
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