KAP2-5_Sagen.qxp_Layout 1 16.07.18 11:48 Seite 91 Sagen um den Traunsee Theo Pfarr Einleitung Sind Sagen, diese über Jahrhunderte mündlich weitergegebenen Erzählungen mit ihren typischen Figuren, den Riesen und Zwergen, den Wassermännern und Nixen, dem immer wieder auftretenden und immer wieder geprellten Teufel, den Feen, Drachen und sonstigen Fabelwesen für einen Menschen des 21. Jhdts. noch be- deutungsvoll? Haben Sagen uns heutigen Menschen noch etwas zu sagen? Oder sind sie bloß Dokumente des „Magischen Zeit- alters“ vor der Aufklärung, als der Mensch noch an wirksame übernatürliche Zusam- Abb. 1: Die Rezeption menhänge in der Natur glaubte? Ober- von altertümlichen flächlich betrachtet, scheint es vielleicht so. Sagenmotiven in Kon- Vor dem Leibhaftigen haben tatsächlich trast zur Moderne und nur mehr sehr wenige Menschen Angst. der Technisierung der Aber die aus den gleichen Quellen gespeis- Gesellschaft war ein beliebtes Thema in der ten traditionellen Umzüge im Alpenraum Malerei des 19. Jhdts. mit ihren Schirch- und Schönperchten, sie Gemälde: Carl Spitzweg, haben ihre Anziehungskraft über das bloß Gnom, Eisenbahn betrach- Folkloristische hinaus nicht verloren. Sie tend, 1848 reichen mit den von ihnen verkörperten Ängsten und Hoffnungen im symbolischen Grunde nichts anderes, nur in entspre- Gewand in tiefere Schichten der menschli- chend größerem Maßstab (Scherer, 2008). chen Psyche, in ein weitgehend unbekann- Die Beschäftigung mit Sagen, die Ver- Theo Pfarr tes, sozusagen „subterranes“ kollektives schriftlichung von bis dahin zumeist Karst- und höhlenkundliche Unter-Bewusstsein. mündlich weitergegebenen Erzählungen Arbeitsgemeinschaft, NHM Wien Ähnliches mag auch für die Sagen gelten. aus dem Volk ist im Wesentlichen ein Ver- Museumsplatz 1/10, 1070 Wien Es gibt in ihnen Versuche von Welterklärun- dienst der Romantik im frühen 19. Jhdt. [email protected] gen im überschaubaren Bereich: Wie ist Einmal mehr sind hier die Namen von jener markante Berg entstanden? Welche Jacob und Wilhelm Grimm zu nennen, die Höh(l)enluft und Wissensraum Bewandtnis hat es mit einer merkwürdigen in den Jahren 1816 und 1818 zwei Bände Die Gassel-Tropfsteinhöhle Landschaftsform? Solche Entstehungsge- „Deutsche Sagen“ herausgaben (Steig, im Salzkammergut zwischen schichten, die den Ursprung nachzeichnen 1916) (Abb. 1). Alltagskultur, Naturkunde und wissenschaftlicher Forschung wollen, nennt die Forschung „ätiolische Taucht man in die Welt der Sagen ein, (hrsg. v. J. Mattes & D. Kuffner), Sagen“. Auch die Schöpfungsmythen der eröffnet sich einem ein Einblick in die Vor- Denisia 40, 2018: 091-102. verschiedenen Weltreligionen sind im stellungswelt früherer Epochen. Menschen Sagen um den Traunsee 91 KAP2-5_Sagen.qxp_Layout 1 16.07.18 11:48 Seite 92 in ihren unterschiedlichen Lebenssituatio- Sagt das Fehlen solcher dominanten mar- nen, ihren Abhängigkeiten und Hoffnun- tialischen Figuren vielleicht auch etwas gen tauchen auf, Glaubenswelten gewin- über die Region und ihre Bewohner aus? nen an Plastizität. Die Sagenwelt des Salzkammerguts und im Jede Region hat ihre eigene Sagenwelt, die Speziellen der Region um den Traunsee ist ihren örtlichen Gegebenheiten und auch eine äußerst vielgestaltige. Für diesen Bei- ihren geschichtlichen Erfahrungen ent- trag wurden einige Mythen mit typischen spricht. Im Salzkammergut ist z.B. keine Figuren und markanten Schauplätzen Heldensage angesiedelt, es treten keine ausgewählt, die im Folgenden besprochen großen Kämpferfiguren hervor. Vergeblich werden. Wer dadurch Lust auf mehr sucht man auch nach dem im Berg schla- „Sagenhaftes“ verspüren sollte, sei auf das fend auf seine endzeitliche Intervention Literaturverzeichnis am Ende verwiesen. wartenden Herrscher, wie man ihn vom Hier sind durchaus interessante und auch Untersberg oder vom Kyffhäuser kennt. unterhaltsame Entdeckungen zu machen. Der Traunstein und die Schlafende Griechin Berge werden in Volkssagen gerne perso- wodurch sie als „Schlafende Griechin“ nun nalisiert, wobei die höchsten in der Umge- das südliche Ufer des Traunsees einnimmt bung oft als Monarchen gelten. Das gilt (Mittendorfer, 1981: 193). – Die „Schla- auch für den Dachstein, der als König unter fende Griechin“ ist eine gängige Bezeich- seinesgleichen gilt. In einer Sage wird nun nung für den Erlakogel, dessen Gipfel- erzählt, dass der König Dachstein seinen kamm, wenn man ihn von Norden ansieht, Vasallen Traunstein wegen dessen Unge- mit etwas Phantasie dem Profil einer lie- horsam an die Grenze seines Reiches ver- genden Frau ähnelt (Hitzenberger, 1989: bannt habe, nämlich an die Gestade des 41-42). Traunsees. In einer hellen Nacht habe sich Erla ist aber auch in einer Volkssage der nun ein „treuloses Weib“ aus dem Gefolge Name eines Riesen, der im Gefels des des Monarchen weggeschlichen, um sich Traunstein gelebt haben soll. Er habe sich dem verbannten Vasallen anzubiedern. in die Nixe des Laudachsees verliebt und Diese Treulose sei vom König mit Verstei- für sie und ihn ein Schloss am jenseitigen nerung und Exilierung bestraft worden, Seeufer bauen lassen, das Schloss Orth. Abb. 2: Traunseeufer in Pühret (Gemeinde Altmünster). Im Hinter- grund die Silhouette der „Schlafenden Griechin“. Foto: Sammlung Walter Deixler 92 KULTURRAUM KAP2-5_Sagen.qxp_Layout 1 16.07.18 11:48 Seite 93 Durch Hexerei hätten er und die Nixe unter Wasser bekommen, sei schließlich menschliche Gestalt angenommen und wegen dieses Kummers verschmachtet, nach ihrer Hochzeit einige Zeit glücklich im worauf der Riese Erla sich wieder in die Fel - Schloss verbracht. Die Nixe jedoch habe sen des Traunstein zurückgezogen haben immer stärkeres Heimweh nach der Welt soll (Hitzenberger, 1989: 34-35) (Abb. 2). Sieben Söhne, sieben Brünnlein Eine weitere Ursprungssage hat die Ge - Fluch und der König erkannte, dass er es gend um den Laudachsee zum Schauplatz. mit der mächtigen Hexe Kranawitha zu Zwischen diesem und dem Grünberg bei tun habe. Diese schlug nun mit einem Gmunden habe ein herrschsüchtiger Stock sieben Mal auf die Erde, bei jedem König sein Jagdrevier gehabt. Seine gelieb - Schlag entsprang ein Brünnlein. Daraufhin ten sieben Söhne haben in einem nahen sei die Hexe „im Berg verschwunden“ . Jagdschloss gelebt. Der König fand auf Der König, der Unheil ahnte, eilte zu sei - einem seiner Pirschgänge eine alte Frau, nem Jagdschloss, das er aber leer vorfand. die am Traunstein abgestürzt war und Kranawitha hatte jeden seiner Söhne in sich bis in die Gegend um den Laudachsee eine Quelle verzaubert. Der bestrafte geschleppt hatte. Als sie um Hilfe bat, König sei ins Gefels des Traunstein hinauf - attackierte der König sie mit seinem gestiegen und verschollen, in Sturmnäch - Jagdmesser, weil er niemanden in seinem ten höre man ihn noch klagen. Sein Jagd - Revier dulden wollte. In diesem Moment schloss sei verfallen (Hitzenberger, 1989: bebte die Erde, die alte Frau sprach einen 33-34). Die Bergmanndln vom Gschliefgraben Am Ostufer des Traunsees mündet zwi - Behausungen der Menschen hinabgestie - schen Traunstein und Grünberg der gen und hätten freundlicherweise deren Gschliefgraben, der in der jüngeren Vergan - liegen gebliebene Arbeiten vollendet. Dafür genheit durch seine Rutschungen Besorg - wurde von ihnen kein Geld verlangt, sie nis erregt hat. Von diesem Graben ist eine bedankten sich sogar für die Möglichkeit zu Bergmanndl-Sage überliefert. Sie besagt, arbeiten und hinterließen auch Münzen dass sich dort ein Felsturm namens „Rote ihrer Währung, der Bergmanndl-Kreuzer. Kirche“ befindet, wo untertags bei genaue - Diese Geldstückchen in Form von runden rem Horchen aus dem Bergesinneren Ge - schwarzen und weißen Steinchen von der räusche vernehmbar waren, die wie Häm - Größe kleinerer Münzen seien auch im mern oder Poltern klangen, hervorgerufen Bach zu finden gewesen und von Kindern durch die Arbeit der Bergmanndln. Bei Ein - aus der Umgebung gesammelt worden bruch der Dunkelheit seien diese zu den (Hitzenberger, 1989: 39-40). Baal auf der Flucht Ein sehr eigenartiger Sagenkreis bezieht Übernahme eines Kultplatzes ist in den sich auf die südwestlichen Uferberge des Alpen (und nicht nur dort) wahrlich keine Traunsees. Die Johanneskirche von Traun - Seltenheit. kirchen soll nach einer Überlieferung auf In Traunkirchen sei an einer Wand ein gro - den „ Ruinen ei nes heidnischen Tempels “ ste - ßer, aus Stein gehauener Kopf zu sehen, hen (Commenda, 1947: 67). Eine derartige woraus in der sich daran knüpfenden Sage Sagen um den Traunsee 93 KAP2-5_Sagen.qxp_Layout 1 16.07.18 11:48 Seite 94 auf riesenhafte Körpergröße der vorchrist - vokale Verballhornung des verbreiteten lichen Bewohner geschlossen wird. Diese Bergnamens „Beilstein“ handeln könnte, sollen in der Lage gewesen sein, einen wil - erscheint naheliegend. Jedenfalls habe der den Stier mit bloßen Händen niederzu - bedrängte heidnische Dämon dort vor den zwingen (Gloning, 1912: 10). Das verehrte ihm nachsteigenden Christen keine Ruhe Idol (der „Götze“), der aus dem Alten gehabt, weswegen er weiter auf den Sonn - Testament als kanaanäischer Gewitter- und stein geflüchtet sei. Auch dorthin seien ihm Fruchtbarkeitsgott bekannte Baal, der im die Verfolger mit ihrem bannenden Instru - europäischen Christentum zu einer dämo - mentarium – Weih wasser, Kruzifix etc. – nischen Figur unter dem Namen Beelzebub nachgestiegen. In seiner bedrängten Lage „weiterentwickelt“ wurde, sei dort persön - habe sich Baal in den See gestürzt, „ dass lich anwesend gewesen. Er habe sich vor dessen Wellen bis zum Gipfel des Sonnstein dem vordringenden Christentum in die geschleudert wurden
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