Notizen 1210-Solf-Final

Notizen 1210-Solf-Final

19 Feature II Die Ära Solf in den deutsch-japanischen Beziehungen Frank Käser In der historischen Wahrnehmung wurde den deutsch-japanischen Beziehungen der 20er Jahre des 20. Jh. im Vergleich zu anderen Epochen bislang wenig Aufmerk- samkeit zuteil. Dies hängt damit zusammen, dass dem „Goldenen Zeitalter“ der deutsch-japanischen Beziehungen der Meiji-Zeit (1868-1912) und den Beziehungen beider Länder in den 1930er Jahre sowie den Jahren des Zweiten Weltkrieges das Hauptaugenmerk galt. Die Vernachlässigung der 1920er Jahre verleitet dazu, ihre Bedeutung innerhalb der deutsch-japanischen Beziehungen, die sich im Jahre 2011 auf 150 Jahre beliefen, gering zu achten. Mit Bezug auf das „Versailler“ bzw. das „Washingtoner System“ wird das deutsch-japanische Verhältnis der 1920er Jahre häufig als Vorgeschichte des militärisch-politischen Zusammengehens der 1930er und 1940er Jahre charakterisiert. Subsumierend wird die Periode der 1920er Jahre zu einer Vorstufe der späteren Zusammenarbeit reduziert. Anhand zeitgenössischer Quellen lässt sich jedoch der Befund, Deutschland und Japan hätten sich „in einem Lager“ wieder gefunden, nicht substantiieren. Vielmehr legen die Quellen nahe, dass der Blick der Akteure sowohl auf japanischer als auch auf deutscher Seite zu- rückging und sie das Verhältnis zwischen beiden Ländern nach der sechsjährigen Unterbrechung der Beziehungen (1914-1920) erneuern und auf eine neue Grundlage stellen wollten. Anlässlich des 150. Geburtstages von Wilhelm Heinrich Solf, der am 5. Oktober 1862 geboren wurde und von 1920 bis 1928 deutscher Botschafter in Japan war, möchte ich einen Versuch unternehmen, anhand der Person und des Wirkens Solfs in Japan die 1920er Jahre innerhalb der deutsch-japanischen Beziehungen zu beleuchten. Wilhelm Solf wurde 1862 in Berlin geboren. Er besuchte das Gymnasium in An- klamm in Pommern 1874-76 und das Großherzogliche Gymnasium zu Mannheim, wo er 1881 die Reifeprüfung ablegte. Anschließend studierte er in Berlin und Kiel Sanskrit und promovierte im Jahre 1885 im Fach Indologie über Die Kaçmîr-Re- cension der Pañcâçikâ (1886) an der Universität Halle. Von Hause aus war Solf also Indologe und mit seinen Sprach- und kulturellen Kenntnissen gelangte er zunächst nach Kalkutta an das dortige deutsche Konsulat. Hier war er von 1888 bis 1890 tä- tig, bevor er für die Laufbahn des höheren auswärtigen Dienstes ein Jura-Studium in Jena von 1891 bis 1896 absolvierte. Im Jahre 1896 trat er in die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes ein, war 1898/1899 Richter in Daressalam, anschließend 10/2012 20 Munizipalpräsident in Apia/Samoa und von 1900 bis 1911 dort Gouverneur und schließlich von 1911 bis 1918 Leiter des Reichskolonialamtes (Staatssekretär des Reichskolonialamtes), in dessen Funktion er 1912/13 Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo bereiste. Er war letzter kaiserlicher Staatssekretär des Auswärtigen Am- tes im Kabinett Prinz Max von Badens und für kurze Zeit erster Außenminister der Weimarer Republik. Im Jahre 1920 wurde er zum ersten deutschen Botschafter für Japan nach dem Großen Krieg berufen.1 Der Öffentlichkeit gegenüber äußerte sich Wilhelm Solf zu seiner bevorstehenden Japan-Mission in einem Interview mit einem Mitarbeiter der Vossischen Zeitung im Juni 1920 wie folgt: „Ich gehe in ein Land, dessen Volk mit um so größerem Vertrauen und größerer Sicherheit der Zukunft entgegensieht, als Japan innerhalb der führenden Weltmächte durch den Krieg sehr gestärkt worden ist, während das heutige Deutschland noch sehr viele Gefahren, die als Folge des Krieges drohen, wird überwinden müssen. Was aber noch schlimmer ist als die große Unsicherheit in unserem Lande, das ist der Umstand, daß die Ereignisse der letzten Jahre leider das Vertrauen der fremden Nationen zu Deutschland durchaus zerstört haben. Und deshalb meine ich, daß die Hauptaufgabe, die vor mir liegt, darin bestehen muß, dieses verlorene Vertrauen wieder herstellen zu helfen. Ich bin nicht der Ansicht, daß ich in Japan nur für die deutschen wirtschaftlichen Interessen einzutreten habe, und seien diese Interes- sen auch noch so wichtig. Ich bin im Gegenteil der festen Ueberzeugung, daß es auch meine Pflicht sein wird, die geistigen Bande, die zwischen zwei intellektuell so hochstehenden Völkern, wie Japan und Deutschland es sind, nach Möglichkeit zu pflegen. Trotzdem Japan der westlichen Zivilisation sehr viele Dinge entlehnt hat, ist es doch nicht unter die Herrschaft dieser Zivilisation gekommen. Und da- rin dürfte Japan als einziges Land dastehen; als Land, das mit vielen Zeichen von Erfolg versucht hat, aus alten Traditionen einerseits und den Forderungen der Neuzeit andererseits eine neue, eigene, japanische Kultur zu schaffen. Schon in der Vergangenheit haben wir uns japanische Erfahrungen zunutze gemacht. Und wir haben allen Grund, auch in der Zukunft den japanischen Bestrebungen mit größter Aufmerksamkeit zu folgen und sie unsererseits mit unseren Erfahrungen auf jede Art und Weise zu unterstützen.“ 2 Hierin kommt bereits deutlich zum Ausdruck, welche Bedeutung Solf künftig den kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan beimaß. Wir müssen uns an dieser Stelle ins Gedächtnis rufen, dass Solf Indologe war und über ein feines Gespür für das Kulturelle verfügte, das ihm aus der Beschäftigung mit der indi- schen Kultur erwachsen war. Vergleicht man den Ausbildungsweg der Mitarbeiter der deutschen Vertretungen in Japan mit Solfs Ausbildung, dann fällt auf, dass diese 1 Biographische Darstellungen zu Wilhelm Solf wie folgt: Vietsch 1961. Schwalbe u. Seemann 1974. Friese 1986. Hempenstall u. Mochida 2005. Hiyama 2005. 2 Nachlass von Wilhelm Solf im Bundesarchiv Koblenz, N1053/64, S. 10. OAG Notizen 21 zuerst ein Jura-Studium absolvierten und dazu begleitend Japanisch und/oder Chi- nesisch lernten, ein Sprach-Diplom erwarben und im Fach Jura abschlossen oder promovierten.3 Bei Wilhelm Solf stand indessen zu Beginn das Sanskrit-Studium und die Promotion in dieser Fachrichtung, bevor er sich zum Juristen ausbildete. Im obigen Interview klingen auch bereits die Themen an, die auf der Agenda der deutsch-japanischen Beziehungen der 1920er Jahre stehen sollten, nämlich Kultur- und Wissenschaftspolitik auf der einen, Handelspolitik auf der anderen Seite. Im Folgenden möchte ich anhand dieser beiden Themenkreise die deutsch-japanischen Beziehungen der 1920er Jahre näher betrachten. Beginnen wir mit den kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen. 1. Kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen Wissenschaftlicher Austausch zwischen Japan und Deutschland war in der Meiji- Zeit und bis 1914 Grundbestandteil der wechselseitigen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Vor allem in den Fächern Medizin, Recht, Philosophie, Kunst und in den Ingenieursfächern wurde Wissen zwischen beiden Ländern ausgetauscht. Deutsche Dozenten lehrten an japanischen Hochschulen, japanische Studenten und Absolventen kamen nach Deutschland zum Studium und zur Forschung.4 Von 1868 bis 1914 waren knapp 2700 japanische Studierende in Deutschland. Mit ca. 1000 Studenten (ca. 40%) galt dem Fach Medizin das Hauptinteresse seitens der japani- schen Wissenschaft. Dieser Austausch wurde mit der Kriegserklärung Japans an Deutschland im Jahre 1914 abrupt unterbrochen. Doch der Abbruch der diplomati- schen Beziehungen und der Kriegszustand dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wissenschaftliche Kommunität in Japan ihrer deutschen Lehrer und Kol- legen gedachte und daran interessiert war, den wissenschaftlichen Austausch mit Deutschland sobald wie möglich wieder aufzunehmen. Nachdem der Kriegszustand zwischen Japan und Deutschland beendet war, wurde alsbald der wissenschaftliche Anschluss beiderseits gesucht. Aber nicht nur, dass der Anschluss gesucht wurde, japanische Vertreter aus der Wissenschaft setzten sich für deutsche Interessen in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft ein. Zwar hatten sich der ja- panische Chemiker Sakurai Jōji (1858-1939), der wissenschaftlich in London und Glasgow sozialisiert war, im Gegensatz zum Gros der japanischen Wissenschaft- ler, die in den Jahren 1868-1914 bis zu ca. 75% in Deutschland ausgebildet worden waren, und der japanische Physiker Tanakadate der Erklärung zum Boykott der deutschen Wissenschaft auf dem Gelehrtenkongress von Paris angeschlossen, aber 3 z.B.: Emil Ohrt (1868-1934), 1921-1923 Konsul in Yokohama. Karl M. Mechlenburg (1876-1957), ab 1920 in Tokyo. Kurt Sell (geb. 1877), ab 1920 in Tokyo, dann in Yokohama. Erich Michelsen (1879-1948), 1920-1926 in Tokyo. Hans Kolb (1891-1983), 1921 in Kobe, 1922-1925 in Tokyo. Alle Angaben nach den entsprechenden Bänden des Biographischen Handbuchs des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871-1945, hg. v. AA, hist. Dienst. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2000-2012. 4 Für die folgenden Angaben vgl. Staatsbibliothek zu Berlin: Hartmann, Rudolf: Lexikon Japans Studierende in Deutschland 1868-1914. URL: crossasia.org/digital/japans-studierende/index (Zugriff: 1. August 2012). 10/2012 22 die Mehrheit der japanischen Wissenschaftler stand einer solchen Maßnahme gegen Deutschland ablehnend gegenüber. Der im Jahre 1920 konstituierte „Verein für wis- senschaftliche Forschung“ in Japan, dessen Vorsitz Prof. Furuichi führte, traf sich im Dezember 1920 und beriet gegen den Vize-Vorsitzenden Sakurai die japanische Zustimmung zum Ausschluss Deutschlands aus der internationalen Wissenschafts- gemeinschaft. Da Kritik gegen Sakurai laut wurde, trat dieser von seiner Position als Vize-Vorsitzender zurück. Die nationale wissenschaftliche Vereinigung Japans votierte daraufhin

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