Albers Mysticeti

Albers Mysticeti

Cetacea.de Ein Abriss über die fossilen Bartenwale von Johannes Albers Die Entstehung der Wale (Cetacea) begann, so belegen rund 50 Millionen Jahre al- te Fossilien von Urwalen aus Indopakistan, mit einer Umstellung der Fressge- wohnheiten. Die Spezialisierung auf das Fischefangen hinterließ an den Zähnen der Tiere charakteristische Abnutzungsspuren. Fast 20 Millionen Jahre jünger sind Fundstücke, die einen neuen Entwicklungsschub innerhalb der Cetacea dokumen- tieren: die Entstehung der Bartenwale (Mysticeti), die im Laufe ihrer Evolution die Zähne durch fransige Hornlamellen (Barten) im Oberkiefer ersetzen. Auch hier ist der Ausgangspunkt eine Veränderung des Fressverhaltens. Die Entstehung der Bartenwale Die morphologische Anpassung an mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion Cetacea.de ([email protected]) © Cetacea.de 2010 / Alle Rechte vorbehalten V http://www Johannes Albers (2004): Ein Abriss über die fossilen Bartenwale. Nach dem Auseinanderbrechen des das Filtrieren sieht zunächst so aus, Gondwana-Kontinents konnten sich im dass die Backenzähne weit voneinan- .cetacea.de/palaeocetologie/mysticeti/index.php Alttertiär kalte Meeresströmungen der entfernt stehen, ihre Nebenspitzen rund um die Antarktis etablieren. Sie aber sehr stark ausgeprägt werden. hatten direkte Auswirkungen auf das Dadurch entsteht eine Art Gitter, das verstärkte Auftreten von Plankton. für die neue Form der Nahrungsauf- Pflanzliches Plankton zieht kleine wir- nahme besonders geeignet ist. bellose Tiere (Krill) an, denen es als Nahrung dient. Der Krill wiederum Llanocetus dient als Nahrung für größere Tiere. Dieses Stadium findet sich bei dem 34 Und damit sind wir bei den Walen: Millionen Jahre alten Llanocetus denti- eröffentlichung oder V Manche Wale stellten sich darauf ein, crenatus von der Seymour-Insel. Die mit Hilfe ihres Gebisses große Mengen liegt östlich des Nordzipfels der an- kleiner Futtertiere aus dem Wasser zu tarktischen Halbinsel, mit der die Ant- filtern. Die morphologische Ausgangs- arktis sich in Richtung Südamerika form des Gebisses repräsentiert dabei streckt. Das Fossil des Llanocetus denti- die Bezahnung fortgeschrittener Ar- crenatus befindet sich im Besitz der a- ervielfältigung nur chaeoceti (Urwale): Die Kronen ihrer merikanischen Smithsonian Instituti- Backenzähne bilden gekerbte Schnei- on und wurde im Jahre 1989 von ED- den, so dass jeder Zahn außer einer WARD D. MITCHELL beschrieben. Der Hauptspitze noch eine Reihe mehrerer Gattungsname bezieht sich auf den A- Nebenspitzen trägt. merikaner GEORGE A. LLANO, der in 1 © Copyright Cetacea.de. Veröffentlichung oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Redaktion Cetacea.de. Erdzeitalter System Serie Alter (in Mio. Jahren) Holozän Heute - 0,011784 Quartär Pleistozän 0,011784 - 1,8 Pliozän 1,8 - 5,3 Neogen Känozoikum Miozän 5,3 - 23 Oligozän 23 - 33,9 Paläogen Eozän 33,9 - 55,8 Paläozän 55,8 - 65,5 Abb. 1: Jüngere Zeitabschnitte der Erdgeschichte Washington für die Polarprogramme sondern noch auf vier Beinen an Land der Nationalen Wissenschaftsstiftung gehen konnten. tätig war und sowohl Schiffs- als auch Fossilstudien über Wale gefördert hat. Mammalodon Erhalten ist von Llanocetus denticre- MITCHELL stellte Llanocetus denticrena- natus ein Schädelfragment, das noch tus in eine eigene Familie Llanocetidae an Archaeoceti erinnert. Dazu gehört und ordnete ihn zeitlich dem späten ein natürlicher Hirnausguss, wie man Eozän zu. Dann stufte man ihn aber in ihn auch von verschiedenen Urwalen das frühe Oligozän ein. Aus dem Oli- aus Indopakistan und Ägypten kennt. gozän stammt auch ein Schädelfund Ebenso zählt das Fragment eines Un- aus Südaustralien: Mammalodon collive- terkieferastes mit Zähnen dazu. Dabei ri. Hierauf gründete MITCHELL 1989 ist der Kiefer noch nicht so gebaut wie die Familie Mammalodontidae. Mam- bei heutigen Bartenwalen. Und Barten malodon colliveri lebte vor 24 Millionen lassen sich noch nicht nachweisen. Jahren und ist damit rund 10 Millionen Trotzdem wird dieses Tier bereits den Jahre jünger als Llanocetus. Doch wirkt Mysticeti zugeordnet: Es hat als Fil- das Tier im Vergleich zu manchen sei- trierer erkennbar den Entwicklungs- ner Zeitgenossen wie ein Relikt aus äl- weg eingeschlagen, der schließlich zu teren Zeiten. Seine Schnauze ist noch den heutigen Bartenwalen führt. nicht sehr weit nach vorn verlängert. Die ersten Bartenwale (Mysticeti) Bereits entwickelt ist aber die Fähig- hatten also noch gar keine Barten, keit der Kieferknochen, sich gegenei- ähnlich wie die ersten Wale überhaupt nander zu bewegen. Das gilt für den noch keine reinen Wassertiere waren, Ober- wie auch für den Unterkiefer 2 © Copyright Cetacea.de. Veröffentlichung oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Redaktion Cetacea.de. und ist ein Vorteil bei den starken me- Oregons (USA) zu, der aber inzwischen chanischen Belastungen, denen das in das (jüngere) Miozän gestellt wurde: Maul eines Bartenwales beim Fressen 1966 beschrieb DOUGLAS EMLONG den ausgesetzt ist. Aetiocetus cotylalveus, den er damals als Die Erstbeschreibung des Mamma- einen Vertreter der Archaeoceti ansah, lodon durch seinen Entdecker PRIT- der sich auf dem Weg zu den Mysticeti CHARD erschien im Januar 1939. Auch befindet. Auch diese Form wirkt wie dieser Bartenwal besaß noch Zähne, ein Übrigbleibsel früherer Evolutions- und PRITCHARD, der den Fund fälsch- phasen. Der deutsche Paläontologe lich dem Eozän zuschrieb, hielt sein ROTHAUSEN glaubte hier auch Schä- Mammalodon für einen Angehörigen delmerkmale zu erkennen, die typisch des "Zeuglodon"-Formenkreises, also für Odontoceti sind. Er sprach von “ei- für einen Archaeoceten. Erst später genartigen Merkmalskombinationen”, erkannte man, dass der Wal zu den wie sie bei verschiedenen Arten vor- Mysticeti zu stellen ist. Ähnlich be- kommen. Dabei votierte er dafür, die hauptete 1884 HERMANN LANDOIS aus systematische Stellung dieser Wale of- Münster den Fund eines "Zeuglodon" fen zu lassen: Es seien vielleicht Ent- im westfälischen Vreden. Hier befand wicklungsversuche abseits der großen man später, es handele sich um einen Linien, die bald wieder erloschen sei- frühen Vertreter der Zahnwale (Odon- en. Doch heute wird Aetiocetus cotylal- toceti). Ihren Grund haben diese Ver- veus als Bartenwal angesehen. Auch er wechslungen in der je ähnlichen Ge- hatte noch Zähne, und auf ihn wurde stalt der Zähne bei späten Urwalen die Familie Aetiocetidae gegründet, die und frühen Zahn- und Bartenwalen. auch aus dem US-Bundesstaat Wa- Ein südaustralischer Zahnfund wurde shington vorliegt. Bezahnte Bartenwa- nacheinander allen drei Unterordnun- le kennt man inzwischen auch von an- gen zugewiesen: 1881 beschrieb SAN- deren Stellen des Nordpazifikraums. GER ihn als Zeuglodon Harwoodi, also als Seit 2000 z.B. aus dem Grenzbereich Archaeoceten. 1914 stellte OTHENIO Oligozän - Miozän Kaliforniens. ABEL die Art in die Gattung Microzeug- lodon. 1977 hielten NEVILLE PLEDGE Mauicetus und KARLHEINZ ROTHAUSEN sie für Eine eindeutige oligozäne Barten- einen Odontoceten und nannten sie walgattung ist Mauicetus aus Neusee- Metasqualodon harwoodi. Inzwischen land: Zuerst beschrieb BENHAM 1937 wurde sie den Mysticeti zugesellt. anhand eines Schädels die neue Wal- gattung Lophocephalus mit der Art . Aetiocetus Dann wurde er darauf aufmerksam Dem Oligozän rechnete man zunächst gemacht, dass der Gattungsname be- auch einen Fund von der Pazifikküste reits dreimal vergeben worden war: an 3 © Copyright Cetacea.de. Veröffentlichung oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Redaktion Cetacea.de. ein Sporentierchen (Einzeller), einen Cetotheriopsis Käfer und einen Fisch. Deshalb führte Zu den Cetotheriidae zählt man er im März 1939 als Ersatz den Gat- auch Cetotheriopsis lintianus aus dem tungsnamen Mauicetus ein. So heißt die Oberoligozän von Linz in Österreich. Typusart heute Mauicetus parki. Davon kennt man nur ein Stück des Als neue Arten beschrieb MARPLES Hinterschädels. Gefunden wurde es 1956 Mauicetus brevicollis (ohne den wohl 1849. CARL EHRLICH vom vater- Schädel zu kennen), Mauicetus lophoce- ländischen Museum in Linz schickte phalus (Schädellänge beim lebenden einen Gipsabdruck an den Gelehrten Tier ca. 1,50 Meter) und Mauicetus wai- und späteren Bundestagskassierer takiensis. Zu den beiden letzten Formen HERMANN VON MEYER in Frankfurt meint aber R. EWAN FORDYCE, dass sie am Main. Der stellte den Fund in die nicht in dieselbe Gattung wie Mauicetus Gattung Balaenodon. Diese Einordnung parki gehören. wurde in den 1860er Jahren durch Soweit aussagekräftige Fossilien PIERRE JOSEPH VAN BENEDEN wider- vorliegen, ist im Kreis dieser Arten rufen, der das Schädelstück als Auloce- zumindest bei erwachsenen Tieren tus und später auch Stenodon ansprach. Zahnlosigkeit festzustellen. (Als Em- Dabei stellte er den Wal als einen Ver- bryo haben selbst heutige Bartenwale treter der Zeuglodonten dar. Schließ- noch Zahnanlagen.) Deshalb darf man lich erkannte BRANDT in dem Tier ei- hier bereits die Existenz der hornigen nen Bartenwal und benannte die Gat- Barten im Oberkiefer vermuten. Die tung 1871 in Cetotheriopsis um. Lange Barten selbst sind nicht überliefert Zeit galt dieses Tier als der einzige be- und auch bei anderen, geologisch jün- kannte Bartenwal des Alttertiärs auf geren Walfunden nur recht selten fos- der Nordhalbkugel. silisiert. Doch im Juni 1965 fand man in ei- Mauicetus wird der Sammelfamilie ner Kiesgrube in Lank-Latum am Nie- Cetotheriidae zugerechnet. In dieser derrhein (linksrheinisch, gegenüber Familie hat man zahllose Arten unter- des rechtsrheinischen Düsseldorf-Kai- gebracht,

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