Der Landbote Mittwoch, 7. Dezember 2016 Kultur | 27 Die nicht nur festlichen Festspiele BAYREUTH 2016 war kein den Neuanfang, aber es gab, wie Jahr der grossen Geschichte Bauer ebenfalls feststellt, «keine der Bayreuther Festspiele, Stunde null von ‹Neubayreuth›, aber Turbulenzen und böse ebenso wenig wie in der ganzen Kritiken gehören auch Bundesrepublik». In Verwaltung ins monumentale Bild, das und Publizistik der Festspiele Oswald Georg Bauer von blieb die alte Garde in Amt und der langen Geschichte der Würden. Die monumentale Büste Wagner-Pilgerstatt entwirft. des Nazibildhauers Arno Breker wurde zum Signet der Festspiele. «Den Chor würde ich mir gröss- ten theils hier aus freiwilligen zu Die zweite Wende bilden suchen (hier sind herrli- und der «Jahrhundert­Ring» che Stimmen und kräftige, gesun- Doch Wieland Wagner über alles! de Menschen.» In seinem noch Wie weit es sich bei Wagners frischen Zürcher Exil im Septem- «Rehabilitation» um ein Freile- ber 1850 brachte Richard Wagner gen seiner eigentlichen Substanz, erstmals die Idee eines eigenen, wie weit auch um eine Rettung nur seinem Werk gewidmeten ins Ungenaue handelte, ist für Theaters zur Sprache. Konkret Bauer keine Frage. Doch die ab- ging es damals um ein «Sieg- strahierende Arbeit auf der Welt- fried»-Projekt, und das Theater scheibe überlebte sich nach dem wäre eine Bretterbude gewesen, Tod Wielands 1966 im Alleingang die nach drei Aufführungen wie- seines Bruders Wolfgang. Von der der hätte abgebrochen werden «Patina der klassischen Moder- sollen, womit die Sache «ihr En- ne» sprachen dessen Kritiker, de» gehabt hätte. Aus Wille und und das «realistische Musikthea- Vorstellung wurde ein Viertel- jahrhundert später Wirklichkeit. Mit dem Jahr 1850 lässt denn auch Oswald Georg Bauer seine gewichtige «Geschichte der Bay- «Bayreuth muss der reuther Festspiele» beginnen, und gewichtig heisst hier konkret Ausnahmezustand zwei grossformatige Bände von des Theaters sein.» zusammen acht Kilogramm und Oswald Georg Bauer 1300 Seiten. Rund 1110 Bilder veranschaulichen den Text. Ein monumentales Werk also, das nicht nur der Inszenierungs- geschichte der Werke in Bay- reuth anschaulich nachgeht, son- ter» war die Antwort. Dieses dern im Spiegel der Festspiele etablierte sich ausserhalb Bay- eine umfassende Würdigung des reuths, ob in Bildern der Gegen- Phänomens Wagner in der Kul- wart oder der Entstehungszeit turgeschichte bis heute darstellt. der Werke, ob ideologisch in mar- Das geht in die Tiefe wie in die xistischen Deutungen oder kri- Breite: Der erste Band beschreibt tisch im Hinblick auf die dunkle die Entwicklung der Festspiele Rezeptionsgeschichte. bis zu ihrem Untergang nach In Bayreuth fand der «Ab- schied» vom Wieland-Wagner- Purismus 1976 mit dem «Jahr- hundert-Ring» von Patrice Ché- reau und Pierre Boulez statt. Die «Mit Deutschlands skandalträchtige und umjubelte Inszenierung zielte als Mischung Wiedergeburt und aus Politik und Märchen auf eine Gedeihen steht und «Mythologie der Gegenwart», und sie war auch ein Bekenntnis fällt mein Kunstideal.» zum Theatralischen, zur Sinn- Richard Wagner, 1866 lichkeit des Theaters. Die Festspiele Das epochale Werk wandelt sich von Epoche zu Epoche: Wieland Wagners «Walküre», 1963, Patrice Chéreaus «Götterdämmerung», 1976. zvg als Versuchslabor Mit diesem letzten «Paradigmen- wechsel» waren die Schleusen für den letzten «Kriegsfestspielen» «Wagners Festspielidee war selber war letztlich so unzufrie- gerechnet in dem von Wagner Aber wer sollte sie glaubwürdig das zeitgenössische Regietheater 1944 und zum Gerangel um ihre ein Protest gegen die Theater- den mit dem Resultat, dass er sich verpönten historisierenden Stil verkünden? Mit dem spannen- geöffnet. Wie vielfältig, bunt, Erneuerung in den ersten Nach- verhältnisse seiner Zeit und der ironisch nach dem unsichtbaren der Grand Opéra – die nationalis- den Kapitel zu dieser Entschei- kontrovers und manchmal auch kriegsjahren, also die Jahre von Gegenentwurf einer künstleri- Orchester auch ein unsichtbares tische und antisemitische Deu- dung schliesst Bauer den ersten überraschend konventionell es 1850 bis 1950. Der zweite Band schen Alternative»: In dieser Theater wünschte. tung von Wagners Werk voran. Band, der hinsichtlich einer die Festspiele seither prägt, behandelt die Zeit von der Wie- Perspektive rollt Bauer die Ge- Zum langen Weg bis zur Pre- Dass «Interpretationen dieser künstlerischen Ruhmesge- führt Bauer eindrücklich vor dereröffnung 1951 bis 2000. schichte auf, erhellend gestützt miere der Festspiele gehören Art in der problematischen dra- schichte Wagners und der Fest- Augen. Seine «Geschichte der auf Zitate von Wagner, die Tage- politische Implikationen um Kö- maturgischen Struktur des Wer- spiele einen äusserst desolaten Bayreuther Festspiele» rückt ein Gegenentwurf zur Zeit bücher Cosimas und öffentliche nig Ludwig II. und sein Kabinett kes potenziell angelegt waren», Eindruck hinterlässt. immenses Spektrum ins Blick- und Deutschtümelei und private Zeitzeugen, kurz, ebenso wie private Anekdoten, verhehlt Bauer nicht. Aber er gibt feld: die Künstler und das Feuille- Was den Ausblick darüber hinaus souverän aus der ins Unendliche zum Beispiel um Cosima Wag- immer dann Gegensteuer (zu Zwischen Abstraktion ton, Glamour, Zeitgeschichte betrifft, sieht der Autor, von wachsenden Wagner-Literatur ners «Hausordnung». Während viel?), wo es einseitig aus der und Gegenwartsrealistik (vom Mauerfall bis Tschernobyl) 1974 bis 1985 Wolfgang Wagners schöpfend. Wagner das Künstlerleben ge- Warte seiner fatalen Wirkungs- Den Eindruck, es mit einer und natürlich das schillerndste Dramaturg und Pressesprecher, Spannend liest sich die Dar- nossen habe, seien für die ehema- geschichte gesehen wird. Da- aussergewöhnlichen Erfolgsge- Œuvre der Musikgeschichte, beim gegenwärtigen Stand der stellung, wie Wagner seinen Fest- lige Baronin Bülow die Künstler gegen bringt er die Sicht ins schichte zu tun zu haben, vermit- Wagners Dramen. Dinge schwarz. Mit der Beliebig- spielgedanken verfolgte, wie in kein standesgemässer Umgang Spiel, die offensichtlich auch telt hingegen der zweite Band. Unter dem Eindruck der Fülle, keit des assoziierenden Regie- Schüben aus dem «Siegfried» die gewesen, schreibt Bauer. Der seine eigene ist und bei Wagner 1951 wurden die Bayreuther Fest- scheint entgegen der Intention theaters schwimme Bayreuth im Nibelungen-Tetralogie wurde, Skandal um ein Künstlerpaar, das humanistischen Geist, Ethos von spiele unter der Leitung von Wie- des Autors gerade die unablässige Mainstream mit, statt eigenstän- wie er den Architekten Gottfried abwechselnd aus demselben Tel- Mitleid und Liebe als Kern eines land und Wolfgang Wagner neu Rotation im ewig gleichen Kanon dige Visionen von Wagners ur- Semper noch in den Zürcher Jah- ler ass, war typisch für ein Unter- reinen Künstlertums ortet. eröffnet. Ihre Arbeitshypothese für die Festspiele nicht als Man- sprünglichem Festspielgedanken ren ins Boot holte, wie in Mün- nehmen, in dem «die Grenze von Nach den Bomben auf «Wahn- lautete: «Die Ideen des Wagner- gel, sondern als eigentlicher Mo- zu entwickeln und vorzudenken, chen dann das Projekt eines Fest- der Unterordnung zur Unterwür- fried» von 1945 und für die Frage schen Werkes sind zeitlos gültig, tor, nachdem sich die Funktion was Theater zu sein habe. Wie zu spielhauses scheiterte und in figkeit und Unterwerfung von einer Wiederauferstehung der da sie ewig menschlich sind. Wag- des Festspielhauses als Pilger- Zeiten der Bayreuther Dramatur- Bayreuth schliesslich realisiert Anfang an fliessend waren». Festspiele war eine von aller Ras- ners Bild- und Regievorschriften stätte ja eigentlich erledigt hat. gie Wieland Wagners sollte Bay- wurde. senideologie entschlackte Sicht hingegen gelten ausschliesslich Mit der sich fortschreibenden reuth wieder «au point de l’avant- Von Glanz und Elend der ers- Der böse Hausgeist auf Wagners Dramen zwingend. dem zeitgenössischen Theater Auseinandersetzung und dem garde» sein: «Protest gegen die ten Aufführung des «Rings», be- und der Abgrund des 19. Jahrhunderts. Ihre ‹werk- Anspruch, Wagners wider- Zeit und eine Alternative zu ihr». ginnend mit dem «Rheingold» Nach dem Tod Wagners war Cosi- treue› Erfüllung ist [. .] nicht sprüchliches Œuvre im Dialog Die Bayreuther Arbeit dürfe am 13. August 1876, vermittelt ma die Hüterin und Mitgestalte- mehr Kriterium einer heutigen mit der Gegenwart stets neu zu «sich nicht darin erschöpfen, in Bauer anhand der zeitgenössi- rin dessen, was als Wahnfried- Wagner-Aufführung.» befragen und fruchtbar zu ma- einer endlos rotierenden Abfol- schen Schilderungen ein detail- Ideologie bezeichnet wird und Der grossen Freiheit des Regie- chen, bleibt Bayreuth ein viel- ge dem Altbekannten lediglich liertes Bild. «Unwiderstehlich ge- Bayreuth mehr und mehr zu theaters war damit noch nicht leicht nicht sehr festliches, aber immer wieder neue Inszenie- lockt, gerührt und erschüttert» einer Zentrale des völkischen das Wort gesprochen. Mythos, singuläres Festspiel. rungsvarianten abzugewinnen». fanden sich die Wagner-Verehrer Ungeistes machte. Sie erscheint Archetypus, Tiefenpsychologie Herbert Büttiker Gleichwohl geht Bauer Inszenie- von der «Götterdämmerung», auch in dieser Darstellung als der «Meine Frau kämpft oder auch einfach das «ewig rung für Inszenierung durch die Skeptiker sahen in Siegfrieds Dämon, der der bösen Seite des wie eine Löwin für Menschliche» wurden zur Basis Oswald Georg Bauer: Geschichte und widmet dabei Drachenkampf auch ein «Pup- Genies zum Durchbruch verhalf. einer «entrümpelten» Szeno- Die Geschichte der Bayreuther auch den musikalischen Protago- penspiel für die reifere Jugend Als Regisseurin trieb sie – in Hitler. Grossartig!» grafie. Das bedeutete zweifellos Festspiele, zwei Bände. Deutscher nisten seine Aufmerksamkeit. und das kindische Alter». Wagner «feststellender» Autorität» aus- Siegfried Wagner, 1923 einen künstlerisch hervorragen- Kunstverlag, Berlin, 155 Fr..
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