Claudia Wolf Arthur Schnitzler und der Film Bedeutung. Wahrnehmung. Beziehung. Umsetzung. Erfahrung KIT Scientific Publishing 2. Fin de siècle: ein neues Medium entsteht – der Film Publisher: KIT Scientific Publishing Place of publication: KIT Scientific Publishing Year of publication: 2006 Published on OpenEdition Books: 16 janvier 2017 Serie: KIT Scientific Publishing Electronic ISBN: 9782821874206 http://books.openedition.org Electronic reference WOLF, Claudia. 2. Fin de siècle: ein neues Medium entsteht – der Film In:: Arthur Schnitzler und der Film: Bedeutung. Wahrnehmung. Beziehung. Umsetzung. Erfahrung [Online]. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2006 (Erstellungsdatum: 12 janvier 2021). Online verfügbar: <http://books.openedition.org/ ksp/2176>. ISBN: 9782821874206. 2. Fin de siécle: ein neues Medium entsteht – der Film Die Geschichte der Kinematographie ist in der Forschungsliteratur ausführlich bearbeitet worden. 1 Die Erfindungen und Entwicklungen bis zu den ersten kinematographischen Vorstellungen sind aufgearbeitet und zu der Frage „Was ist Kino?“, die Literaten und Filmemacher seit den Anfangsjahren des Films beschäftigt, liegen zahlreiche Textsammlungen vor. 2 Die Erfindung des Kinos am Ende des 19. Jahrhunderts ist das Ergebnis langer technischer und rezeptionsästhetischer Entwicklungen. In technischer Hinsicht sind vor allem Photographie und Laterna Magica zu nennen. 3 Der Filmprojektor ist zunächst nichts anderes als eine Kombination aus beiden, versehen mit einer Mechanik zum ruckweisen Transport der Bilder und einer rotierenden Blende, die das Bildfenster öffnet und schließt. Rezeptionsästhetisch liegen die Dinge komplizierter. Bildende Kunst, Literatur, Camera Obscura, Landschaftsgärten, Laterna Magica, Photographie, Panorama: sie alle sind Bestandteil einer neuen technischen Wahrnehmung des Sehens. 4 Die kulturelle Öffentlichkeit, insbesondere das Bildungsbürgertum reagiert trotz Interesse an der technischen Erfindung der bewegten Bilder auf die „Praxis der kulturellen Institution Kino“ 5 tief verunsichert und anfänglich abweisend. Zu sehr provoziert diese Neuheit die herrschenden Vorstellungen von Kultur. 1 Standardwerke zur Entwicklung und Frühgeschichte: Friedrich Porges: Geschichte des Films. Schatten erobern die Welt. Wie Film und Kino wurden. Basel, 1946. Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films. 1895–1928. München: Rogner & Bernhard, 1975. Friedrich v. Zglinicki: Der Weg des Films. Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Berlin: Rembrandt, 1956. Über hundert Jahre Mediengeschichte informiert Dieter Prokop: Medien-Macht und Massen-Wirkung. Ein geschichtlicher Überblick. Freiburg i.Br.: Rombach, 1995. Prokop beginnt mit der Erfindung des Films und informiert bis hin zu alltäglichen Phänomenen wie Comics, Popmusik, Computer-Medien und Videoclips. 2 Walter Hagenbüchle: Narrative Strukturen in Literatur und Film. Bern: Lang, 1991. Heinz-B. Heller: Literarische Intelligenz und Film. Anton Kaes (Hrsg.): Kino-Debatte. Texte zum Verhältnis von Literatur und Film 1909-1929. Tübingen: Niemeyer, 1978. Joachim Paech: Literatur und Film. 3 Einen ausführlichen Überblick und eine Zusammenfassung zu dieser Entwicklung bei: Gerhard Kemner, Gelia Eisert: Lebende Bilder. Eine Technikgeschichte des Films. Berlin: Deutsches Technikmuseum Berlin, 2000. 4 Brigitte Peucker: Verkörpernde Bilder – das Bild des Körpers. Film und die anderen Künste. Berlin: Verlag Vorwerk 8, 1999. S. 110-127. Im Kinematographen wird diese Entwicklung des Sehens ihren vorläufigen Höhepunkt finden. 5 Jörg Schweinitz: Abwehr und Vereinnahmung: bildungsbürgerlicher Reformeifer. In: ders. (Hrsg.): Prolog vor dem Film. Nachdenken über ein neues Medium 1909-1914. Leipzig: Reclam, 1992. S. 55- 64. S. 55. 11 2.1 Kinematographie in Deutschland und in Österreich In der Filmgeschichtsschreibung wird der Anfangspunkt der Filmgeschichte auf das Jahr 1895 gelegt: am 1. November 1895 gelingt es den Brüdern Max und Emil Skladanowsky im Berliner Varieté „Wintergarten“ mit Hilfe eines technisch einfachen Apparats, dem „Bioskop“, die ersten Filmbilder zu projizieren, Anfang 1896 führen die Brüder Auguste und Louis Lumière ihre Filme im Pariser Café und Oskar Meßter seine im Apollo-Theater in Berlin vor. 6 Das Verdienst um die Entdeckung der „laufenden Bilder“ muss verschiedenen - europäischen wie auch nordamerikanischen - Wissenschaftlern zugesprochen werden und eine Vielzahl von Erfindungen ebnen dem Medium Film den Weg. 7 Bereits vor 1895 sind Filme produziert worden, doch nicht nur die Möglichkeit der Aufnahme und die Projektion von „bewegten“ Bildern macht das neue Medium aus, entscheidend ist die Fähigkeit des Films, ein Publikum zu gewinnen. Das Jahr 1895 steht auch deshalb am Beginn der Filmgeschichte, da ab diesem Zeitpunkt öffentliche Vorführungen veranstaltet werden. Unabhängig voneinander entstehen innerhalb weniger Monate an verschiedenen Orten funktionsfähige Kinematographen. 8 Zunächst entsteht ein Kinogewerbe mit kurzen Filmstreifen, deren Darstellungsmöglichkeiten auf das Mindeste beschränkt sind und Schaustellern, die von Ort zu Ort wandern und ihr Programm in Varietés, Gastwirtschaften und Bierhallen präsentieren. Der „Kinematograph“ ist die Bezeichnung für das Gerät, das die Brüder Lumière für Aufnahme, Projektion und 6 Zum Wintergarten des Central-Hotels siehe: Michael Hanisch: Auf den Spuren der Filmgeschichte. Berliner Schauplätze. Berlin: Henschel, 1991. Darin zu sehen ist unter anderem der Sitzplan des Wintergartens, S. 27, und das Originalprogramm der Bioskopfilme am 1. November 1895, S. 29. 7 Wichtige Wegbereiter sind Thomas Alva Edison, C. Francis Jenkins und Carl Louis Gregory aus den Vereinigten Staaten, der Italiener Filoteo Albertini, Emile Reynaud, Etiénne Marey, die Brüder Lumière aus Frankreich, der Brite E. Muybridge und die Deutschen Ottmar Anschütz, die Brüder Skladanowsky und Oskar Meßter. Zu Oskar Meßter vgl. Siegfried Karcauer: „Unter den wenigen deutschen Produzenten jener Zeit gebührt Oskar Meßter, der seine eigenen Verdienste in seiner Autobiographie nie zu gering veranschlagte, ein bedeutender Platz.“ Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984. S. 21. In dem Katalog „Hätte ich das Kino!“ wird Meßter als der „eigentliche Begründer der deutschen Filmindustrie“ bezeichnet. Hätte ich das Kino. S. 40. 8 Lorenz Engell: Sinn und Industrie. Einführung in die Filmgeschichte. Frankfurt/M.: Campus, 1992. Engell nennt Dutzende von Patenten auf Kameras und Projektoren, von denen die wenigsten dann allerdings tatsächlich gebaut wurden. S. 41. 12 Kopierung von Filmen entwickelt haben: der „Cinématographe Lumière“. Dieses Gerät wird in den meisten Sprachen der Welt Namenspatron für das neue Medium. 9 Erhebliche Fortschritte in der Fotographie des 19. Jahrhunderts gehen diesen Vorführungen voran. Aus den unterschiedlichsten Erkenntnisinteressen heraus befassen sich Wissenschaftler und Forscher mit wiederholbaren Bewegungsabläufen. Im April 1896 setzt mit den Auftritten der Brüder Lumière die endgültige Begeisterung für die Kinematographie in Deutschland ein. In großen Sälen oder Ausstellungsräumen werden Präsentationen abgehalten; die auf die Großstädte beschränkten Gastspiele sind auf maximal ein bis zwei Monate angelegt. Bereits in den Jahren 1896 bis 1898 kann der Zuschauer von Lumière-Filmen kurze Stadtfilme sehen, die mit wechselnden Kameraperspektiven, mit halbtotalen bis totalen Einstellungen auf vorbeieilende Passanten eine zu dem Zeitpunkt ungekannte Vielfalt offerieren. 10 Die Jahre von 1900 bis 1907 werden in der Geschichte der Filmkunst die Zeit der Jahrmarkt- und Wanderkinos genannt. 11 Die Entwicklungsmöglichkeiten des Kinos werden bewusster diskutiert und Grundfragen wie „Was ist Film?“, „Was ist Kino?“ stellen sich. „Wie allwöchentlich seit 7 Wochen Kaiserpanorama (‚Gibraltar’).“ (TB, 12.12.1903, 3, 52), notiert Schnitzler in seinem Tagebuch. Um was handelt es sich bei dem „Kaiserpanorama“? Nach Zglinicki stellen die Kaiser-Panoramen „nichts anderes als riesige Guckkästen“ 12 dar. Gegründet 1889 von August Fuhrmann in Berlin, verbreiten sie sich um die Jahrhundertwende schnell in allen größeren Städten: 1896 beschäftigte sich Fuhrmann auch mit der Kinematographie, konnte sich aber mit dieser Einrichtung nicht befreunden. Er wandte sich den Glasstereos zu, und es gelang ihm nach langjährigen Versuchen, die geeigneten Stereobilder mit richtiger Farbtönung für Panoramenzwecke herzustellen. Er beauftragte mehrere Photographen, die in der ganzen Welt 9 Martin Loiperdinger: Das frühe Kino der Kaiserzeit: Problemaufriß und Forschungsperspektiven. In: Uli Jung (Hrsg.): Der deutsche Film. Aspekte seiner Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Trier: WVT, 1993. S. 21–50. 10 Ausführungen zu der Verwurzelung der deutschen Kinematographie im Varieté, der Kinogründungskonjunktur und deren Auswirkungen in: Corinna Müller: Frühe deutsche Kinematographie. Formale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen 1907–1912. Stuttgart: Metzler, 1994. 11 Zu den Wander- und Jahrmarktkinos vgl.: Toeplitz: Geschichte des Films. Und Zglinicki: Der Weg des Films. Zu den Wander- und Vorstadtkinos, der Ausbreitung und Besucherschaft der Kinos: Helmut Kommer: Früher Film und späte Folgen. Zur Geschichte der Film- und Fernseherziehung. Berlin: Basis-Verlag, 1979. 12 Zglinicki: Der Weg des Films. S. 86. Zur Beschreibung der Apparaturen und zu ihrer Geschichte: Hätte ich das Kino. S. 54. 13 für ihn umherreisten, um die Bilder an Ort und Stelle aufzunehmen.
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