Jörg Haspel ZWISCHEN ERHALTUNG UND ERNEUERUNG: DIE KARL-MARX-ALLEE IN BERLIN as Denkmalprofil des Berliner Bezirks Friedrichshain Natürlich wäre es verfehlt, das Denkmalprofil des Bezirks Dwird unübersehbar akzentuiert durch Nachkriegs• Friedrichshain auf seine sozialistischen oder stalinistischen zeugnisse, die mit dem Begriff 'Stalinistische Architektur Akzente an den Radialen zu verkürzen, und sicher bleibt es belegt werden könnten. Die ehemalige Stalinallee ist nur richtig, daß etwa Alt-Stralau Kulturdenkmale von ungleich ein Beispiel hierfür und mit Sicherheit nicht einmal das un• höherem Alterswert und Seltenheitswert besitzt als bei• menschlichste Bauzeugnis des Stalinismus im Bezirk. Wer spielsweise das Karl-Marx-Relief (1964, Hand Kies), das an die drei Radialstraßen stadtauswärts fährt, die den 1920 den Aufenthalt des »Klassikers des Wissenschaftlichen So• neugebildeten Stadtbezirk Friedrichshain gliedern und ihn zialismus« auf der Halbinsel erinnern soll. Aber die Einfall• gleichsam als Durchgangszone zwischen dem historischen straßen durch Friedrichshain ins Zentaim von Berlin mögen Stadtzentrum und dem gründerzeitlichen S-Bahn-Ring cha• doch etwas von dem Ausmaß der Schwierigkeiten vermit• rakterisieren, ist unausweichlich mit F.rgebnissen sozialisti• teln, die es bereiten kann, diesen jüngsten Teil unserer Ge• schen Städtebaus konfrontiert, die bald als Datierungshilfe, schichte und unseres Dcnkmallx\standes als Erbe anzuneh• bald als stilistisches Bestimmungsmerkmal, aber auch zur men und einen unbefangenen oder eben angemessenen politisch-moralischen Bewertung mit dem Begriff Stalinis- Umgang zu entwickeln. mus etikettiert werden könnten. Da ist zunächst und vor allem die noch zu Stalins Leb• Zum anderen können die drei gleichsam im Vorbeifahren zeiten (1879-1953) und in seinem Namen, genauer: unter gestreiften Nachkriegsdenkmale von Friedrichshain freilich seinem Straßennamen, begonnene Magistralenbebauung den Differenzierungsbeclarf andeuten, den griffig formu• der Karl-Marx-Allee, von 1949 bis 1961 »Stalinallee« ge• lierte Fragen wie »Stalinistische Architektur unter Denkmal• nannt. In einer spätstalinistischen Tradition des Personen• schutz?« erfordern. Eine Sympathiebefragung ergäbe mit Si• kults und der Propagandakunst läßt sich auch der Aus• cherheit einen deutlichen Vorsprung für die unter Stalin be• gangspunkt der 1950 bis 1992 »Leninallee« genannten gonnenen historisierenden Monumentalbauten an der älte• Landsberger Allee begreifen, die das Zentrum der vormali• ren Karl-Marx-Allee gegenüber den bereits »entstalinisier- gen »Hauptstadt der DDR« mit den Plattenneubausiedlun- ten« Plattenbauten am heutigen Platz der Vereinten Natio• gen von Marzahn oder Bellersdorf und Hohenschönhausen nen. Auch das wohl bedrückendste Erzeugnis und Zeugnis verbindet. Der von geschwungenem und abgestuften ho• der Nachkriegszeit in Friedrichshain, eben die Mauer am hen Wohnbauten (1968/70) gefaßte »Leninplatz« (heute: Spreeufer, entstand ja erst 1961. also acht Jahre nach Stalins Platz der Vereinten Nationen) und mehr noch das 1991/92 Tod und fünf Jahre, nachdem Chruschtschow auf dem abgetragene Lenindenkmal (1970, N. W.Tomski), das sich 20. Parteitag der KPdSU mit seinen Enthüllungen die soge• mit der überlebensgroßen Figur eines »Roten Matrosen« nannte Entstalinisierung eingeleitet hatte. Der Berliner Mau• (1906. Hans Kies) im benachbarten Friedhof der Märzgefal• erbau vom 13. August 1961 erfolgte im gleichen Jahr, in lenen, dem Ehrenmal für polnische und deutsche Antifa• dem die Sowjetunion Stalins Leichnam aus dem Lenin-Mau• schisten (1971-72, Tadeusz Lodziana u.a.) und der Ge• soleum in Moskau entfernen ließ und die Entstalinisierung denkstätte für die .Spanienkämpfer (1968, Fritz Cremer) im ihrem öffentlich inszenierten Höhepunkt entgegenführte. angrenzenden Volkspark Friedrichshain zu einer doch recht Zeitgleich erfolgte die Räumung des Stalindenkmals an der parteilichen »Monumentenstrecke« verband und städtebau• bis dahin nach ihm benannten Allee in Berlin und deren lich axial auf die Karl-Marx-Allee ausgerichtet ist, dieser Umbenennung in Karl-Marx-Allee (Westabschnitt) bzw. die komplexe Denkmalzusammenhang steht für ein gleichsam Rückbenennung in Frankfurter Allee (stadtauswärts). Der totalitäres Bau- und Denkmälerprogramm zur Besetzung demzufolge bereits in der Periode der Entstalinisierung auf• des öffentlichen Raumes und der öffentlichen Wahrneh• gerichtete »Antifaschistische Schutzwall« wird heute sicher mung. weithin sehr viel mehr mit den unmenschlichen Seiten ei• Und schließlich befindet sich entlang der südlichen Radi• ner stalinistischen Herrschaftsform in Verbindung gebracht alstraße am Nordufer der Spree ein ausgedehnter Rest des als die zu Stalins Lebzeiten und Herrschaftszeiten bezoge• Bauwerks, das allgemein im politischen Sinne für »Stachel• nen ersten Wohnpaläste an der sozialistischen Prachtstraße. draht und Mauer« als Zeichen .stalinistischer Verfolgung und Unterdrückung stand, nämlich die Berliner Mauer. Genau• Die zeitgenössischen politischen und ästhetischen Ver• er: es handelt sich um ein Stück Hinterlandmauer, das-seit dikte, mit denen die ersten Bauabschnitte der Stalinallee im 1990/91 als bemalte 'East-Side-Gallery - über einen Kilo• Sinne einer Totalitarismustheorie in die Tradition national• meter Länge die Straße begleitet und zugleich trennt vom sozialistischer Achsen- und Monumentalarchitektur (etwa Fluß, der hier die Grenze bildete zwischen Ost- und West- durch den Vergleich der »Speer-Leuchten« an der Magistra• Berlin und somit zwischen den beiden geopolitischen He• le von 1938/39 im Westen mit den Kandelabern an der Ma• misphären der Nachkriegszeit. gistrale der 50erJahre im Osten) gestellt oder eines rück- r wärts gewandten, russifizierten -Zuckerbäckerstils- bezich• Miteinbezogen sind freilich nunmehr die in den Tagen tigt werden konnte, sie sind spätestens mit der postmoder• der Runden Tische 1990 in die Denkmalliste aufgenomme• nen Wiederkehr des Neohistorismus selbst Geschichte ge• nen und durch das Gesetz zur Vereinheitlichung des Berli• worden. Und verblaßt ist auch die Erinnerung an die Ereig• ner Landesrechts (1990) überführten Ergänzungen, insbe• nisse- des 17. Juni 1953. die nicht zuletzt von den Bauarbei• sondere die Wohnzeilen und Laubenganghäuser an der tern in der ehemaligen Stalinallee ihren Ausgang genom• Südseite der Allee (1949-50, Ludmilla I lerzenstein. Helmut men hatten. Von den erwähnten Nachkriegszeugnissen in Riedel), deren städtebauliche Disposition an Hans Scha- Friedrichshain erfreut sich heute vermutlich keines größe• rouns Konzept für eine • Wohnzelle Friedrichshain' von 1949 rer Bekanntheit und Beliebtheit als die Wohnblöcke der erinnert, und andererseits die 1959 bis 1965 stadteinwärts »Ersten sozialistischen Straße Deutschlands-. Die Anerken• vom Strausberger Platz zum Alexanderplatz fortgeführte Al• nung der Karl-Marx-Allee als erhaltenswertes Denkmal• leebebauung im Bezirk Berlin-Mitte, deren Wohnhochhaus- ensemble ist wohl just für diejenigen Bauabschnitte am scheiben in Plattenbauweise als fortgeschrittenster Beitrag höchsten entwickelt, die unmittelbar für die rigorose zur Industrialisierung des Wohnungsbaus in der DDR ge• Durchsetzung der .stalinistischen Architekturdoktrin und feiert wurden. Die ausgedehnten Grünflächen der Straßen- deren propagandistische Ausschlachtung stehen. Für diese und Platzräume am älteren Magistralenabschnitt, die auf Bauabschnitte hat nicht nur die Fachwelt, sondern im Grünplanungen von Reinhold Lingner zurückgehen, sind Grundsatz auch das öffentliche Denkmalbewußtsein die überdies als Gartendenkmale ausgewiesen. Namhafte Ein• Frage »Denkmalschutz für stalinistische Architektur?« längst zelobjekte, wie Kino Kosmos (1961-62) und Kino Interna• positiv entschieden - was unterschiedliche Auffassungen tional (1961-63) oder das Interhotel Berolina (1961-63) und Ober den angemessenen Umgang mit dem Denkmal selbst• Cafe Moskau (1961-64), die alle unter der architektonischen verständlich nicht ausschließt. Oberleitung von Josef Kaiser entstanden, sowie der Ring- — >. (y.fg V f - •y X • ^^vÄ r. I IS ;. IL. y^fcl /m L .•r= A &JZ- mvw^»^J^M'/ 89^--^ — IX-nkmalbereich Karl-Marx-Allee zwischen Alexantleiplaiz und I'roskauer Straße. Baudenkmale und konsumierende Bestandteile des Ensembles (schwarz angelegt); Gartendenkmale und konstituierende Freiflächen des Denkmalensembles (schraffiert) Denkmalbereich Karl-Marx-Allee brunnen (1967, Fritz Kühn) und die Karl-Marx-Büste am Strausberger Platz sind in den erweiterten Denkmalbereich Die rechtsverbindlich geschützte Denkmalzone Karl-Marx- förmlich einbezogen. Andere Baudenkmale, wie das Haus Allee ist allerdings umfangreicher und facettenreicher als des Lehrers mit Kongreßhalle (1961-64, Hermann Hensel• der Gegenstand, der sich inzwischen wachsender öffentli• mann) am Alexanderplatz oder der Fernsehturm (1965-69). cher Anerkennung und Zuwendung erfreut. Der nach dem ergänzen und steigern wirkungsvoll das Denkmalgefüge neuen Berliner Denkmalschutzgesetz (1995) in die Liste der sozialistischen Magistrale und die Annäherung an das aufgenommene Denkmalbereich umfaßt die bereits nach Zentrum der Stadt. dem Denkmalpllegegesetz der DDR (1975) geschützten Unter Denkmalschutz steht heute also mehr als die häu• Bauten, wie das 1952 fertiggestellte und eine Generation fig zitierten und photographierten traditionalistischen später in die zentrale Denkmalliste der DDK eingetragene Turmbauten und Wohnblöcke der 50er Jahre. Eingetragen Hochhaus an der Weberwiese (Hermann I lenselmann), das
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