
HISTORISCHER ATLAS 6, 3 VON BADEN-WÜRTTEMBERG Erläuterungen 1 Beiwort zur Karte 6,3 Die territoriale Entwicklung der Kurpfalz von 1156 bis 1792 von MEINRAD SCHAAB I. Historischer Überblick hebung der Reichsabtei (1232) und den Erwerb der wichtigen Zollstation Kaub 1277/1289 ausgebaut wer- Die rheinische Pfalzgrafschaft ist aus der ursprüng- den. Dagegen gingen die letzten Reste der alten Posi- lich zur Königspfalz Aachen gehörigen und im wesent- tion an der Mosel verloren. Im Vertrag von Pavia, der lichen im Raum am Nordrand der Eifel beheimateten 1329 zwischen Ludwig dem Bayern einerseits und den lothringischen Pfalzgrafschaft hervorgegangen. Die Söhnen seines verstorbenen Bruders Rudolf I. anderer- seit dem 10.Jh. nachweisbaren lothringischen Pfalz- seits zustande kam, wurden Pfalz und Bayern endgültig grafen wurden durch die Macht der rheinischen Erz- voneinander getrennt. Bei der Pfalz verblieb nur ein bischöfe immer weiter nach Süden abgedrängt. Erst als Teil des bayerischen Gebietes nördlich der Donau, die Friedrich Barbarossa die Pfalzgrafenwürde seinem spätere Oberpfalz. Das im dieser Teilung voraus- Halbbruder Konrad 1156 übertrug, kam diese Entwick- gehenden Streit sehr geschwächte Territorium konnte lung zum Stillstand. Durch die Verbindung der Reste durch Ruprecht I. (1329-1390) wieder gefestigt und der alten Pfalzgrafschaft mit größeren Teilen des Sa- ausgebaut werden. Hauptsächliche Mittel dazu waren liererbes und der Vogtei über die Reichsabtei Lorsch eine geschickte Finanzpolitik und die Ausnutzung der und das Bistum Worms konnte sich in der zweiten Beziehungen zum Kaiser. In zwei großen Schüben Hälfte des 12.Jhs. ein Kerngebiet pfälzischer Macht am vermehrte sich die Pfalz durch zahlreiche Reichspfand- nördlichen Oberrhein und im Mittelrheintal festigen. schaften 1350 (u.a. Neckargemünd, die Meckesheimer Bacharach, Alzey und das von Konrad gegründete Zent, Eberbach, Mosbach, Sinsheim, Germersheim und Heidelberg waren schon damals die Hauptstützpunkte. die Landvogtei im Speyergau) und 1377 (u.a. Kaisers- Auch die Grundlagen für das pfälzische Gebiet um lautern, Oppenheim, Ingelheim). Ebenfalls aus der Neustadt wurden bereits geschaffen. Pfalzgraf Konrads Gunst des Königs stammte um 1362 die Schutzherr- Erbe traten 1196 die Welfen an, auf sie folgten 1214 schaft über das Kloster Maulbronn. Außerdem ge- die Wittelsbacher in der Pfalzgrafschaft. Voraus ging langen zahlreiche Erwerbungen vom Adel (u.a. Bretten aber eine Erbteilung, bei der ein Teil der Besitzungen 1335/1349, Wildberg 1360/1370, Lauda 1374/1398 Konrads und der Welfen, vor allem Pforzheim, an die und Simmern 1358/59). Das Bistum Worms, fast ganz Markgrafen von Baden fiel. zum pfälzischen Satelliten geworden, mußte 1385 die Unter ihren ersten wittelsbachischen Herrschern war Hälfte von Ladenburg abtreten. Die Kurwürde wurde die Pfalz mit Bayern verbunden. Das rheinische Terri- durch die Goldene Bulle 1356 endgültig dem pfälzi- torium konnte in dieser Zeit durch Rückerwerb eines schen Zweig des wittelsbachischen Hauses gesichert. Teiles des an Baden gekommenen Erbes (1277 Linden- Ruprechts gleichnamige Nachfolger setzten diese Er- fels), durch die Aufteilung des Lorscher Gebietes zwi- werbspolitik fort. Ruprecht III. hatte als König 1400- schen Pfalz und dem Erzbistum Mainz nach der Auf- 1410 nochmals besondere Gelegenheit, sein Land durch Reichspfandschaften zu stärken. So konnte er die 1 Über die Problematik der Territorialentstehung und über die ver- bisherigen Pfandsummen teilweise erhöhen und seinem schiedenen Wege der kartographischen Darstellung, die in diesem Sohn und Nachfolger Ludwig III. dazu noch die halbe Atlas gewählt wurden, wird später eine zusammenfassende Ein- Landvogtei in der Ortenau mit den Städten Offenburg, führung unterrichten. Gengenbach und Zell und ebenso die 1 6,3 MEINRAD SCHAAB / DIE TERRITORIALE ENTWICKLUNG DER KURPFALZ VON 1156 BIS 1792 2 MEINRAD SCHAAB / DIE TERRITORIALE ENTWICKLUNG DER KURPFALZ VON 1156 BIS 1792 6,3 3 6,3 MEINRAD SCHAAB / DIE TERRITORIALE ENTWICKLUNG DER KURPFALZ VON 1156 BIS 1792 Landvogtei im Elsaß samt den zehn Städten zuwenden. Politik. Im Zusammenhang damit steht die Gründung Diese bevorzugte Stellung des ältesten Sohnes als von Mannheim als Festung und Stadt 1606/07. Zusam- Inhaber der wichtigsten Reichspfänder bewirkte zusam- men mit dem Abenteuer der böhmischen Thronkandi- men mit Maßnahmen Ruprechts I., die der Pfalz einen datur führte die Verstrickung der Pfalz in die europä- gewissen »ewigen« Bestand durch Hausgesetze sicher- ische Politik 1618 zum Dreißigjährigen Krieg und ten, daß in der 1410 erfolgten Teilung unter die vier 1623/1628 zur Aufteilung der Pfalz unter Bayern Söhne König Ruprechts das Kurterritorium verhältnis- (rechtsrheinische Teile) und Habsburg (Germersheim mäßig stark blieb. Es entstanden damals die Seitenlinien zum Elsaß, alles andere an Spanien). Pfalz-Neumarkt (nur Oberpfalz, erloschen 1443), Pfalz- Der Westfälische Frieden stellte die rheinische Pfalz Mosbach (Mosbach, Sinsheim, Eberbach, Wiesloch, wieder her, die Bergstraße mußte an Kurmainz abge- Lauda und Wildberg) und Pfalz-Simmern-Zweibrücken treten werden, die Oberpfalz und die Kurwürde blieben (fast nur linksrheinischer Besitz). Die Kurpfalz erreichte bei Bayern. Für die Pfalz wurde eine achte Kur im 15. Jh. ihre größte Machtfülle. In der Vorderen Graf- geschaffen. Die folgenden Kriege Ludwigs XIV. schaft Sponheim (um Kreuznach und auf dem Huns- stürzten das Land in neues Elend. Die zeitweilig recht rück) faßte die Kurlinie mit Kondominatsanteilen ab ausgedehnten Reunionen und der pfandweise Erwerb 1417 Fuß. Wesentliche Erweiterungen des Territoriums des Amtes Germersheim durch Frankreich 1682 konn- gelangen im Odenwald (Otzberg 1390/1428), an der ten im Frieden von Ryswyk 1697 wieder rückgängig Bergstraße (Amt Starkenburg 1463.), im rheinhessischen gemacht und die französischen Erbansprüche aus der Raum, im Elsaß (Grafschaft Lützelstein 1418/ 1452) und Heirat der Lieselotte von der Pfalz mit dem Herzog am Neckar (Grafschaft Löwenstein 1377/1445, Ämter Philipp von Orleans abgewehrt werden. Möckmühl 1442/1448, Neuenstadt 1450, Weinsberg Inzwischen hatte 1685 das katholische Haus Pfalz- 1411/1455, Besigheim 1463). Ein Großteil davon war Neuburg, der älteste Zweig von Pfalz-Zweibrücken, der klugen und militärisch erfolgreichen Politik Fried- die Nachfolge in der Kur angetreten. Die Pfalz wurde richs I., des Siegreichen (1449-1476), zu verdanken. in Personalunion mit den Herzogtümern Neuburg und 1499 fiel durch Erbvertrag Pfalz-Mosbach, das auch das Jülich-Berg vereinigt. Zur Deckung der durch die Zer- Erbe Pfalz-Neumarkts angetreten, Wildberg und Lauda störung des Landes bedingten Schulden verpfändete aber wieder veräußert hatte, an die Kurlinie zurück. man das Amt Boxberg bis 1740. Die Neuburger Pfalz-Zweibrücken war in dieser Zeit einer der schärfs- konnten ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum ten territorialen Gegner. Der von der Kurpfalz Kaiserhaus, zu Baden-Baden und die Stellung von leichtfertig heraufbeschworene Landshuter Erbfolge- Brüdern als geistliche Fürsten dazu nutzen, in einer krieg zerstörte ihre Vormachtstellung. Durch die Erobe- großen Reihe von Austauschverträgen die Vorrechte rungen der Gegner wurde sie 1504 aus dem südlichen der Pfalz, die über das Territorium hinausreichten Oberrheinraum von Österreich (Landvogteien im Elsaß (Wildfangrecht), gegen kleinere gebietsmäßige Ge- und in der Ortenau, sowie das 1486 gewaltsam als winne (1705 die weitere Hälfte von Ladenburg) und verwirktes Lehen eingezogene Geroldseck) und aus dem das Kondominät der Vorderen Grafschaft Sponheim Neckarbecken (Maulbronn, Besigheim, Löwenstein, durch Teilung (1708) abzulösen. 1733 brachte die Weinsberg, Neuenstadt, Möckmühl) von Württemberg Beendigung eines langen Erbstreits mit Pfalz-Zwei- verdrängt. Nur kurzfristig konnte die Pfalz 1530-1558 brücken die linksrheinischen Ämter Lauterecken und nochmals die Landvogtei im Elsaß ausüben. Das Amt Veldenz ein. Die Politik des territorialen Ausgleichs Boxberg, schon vorher Lehen, wurde 1523 erobert, 1561 setzte auch der Kurfürst Karl Theodor (1742-1799) aus endgültig der Pfalz überlassen. dem Hause Pfalz-Sulzbach, einem Seitenzweig von Die weitere Entwicklung wurde durch die Haltung Pfalz-Neuburg, fort. Er konnte u.a. 1768 durch der Kurfürsten zur Reformation bestimmt. Die erst späte Tauschvertrag mit Pfalz-Zweibrücken die kurpfälzi- Hinwendung zum Bekenntnis Luthers 1556 brachte die schen Gebiete unter französischer Landeshoheit (Selz- ersten Klosteraufhebungen und so eine Erweiterung des Hagenbach) gegen anderen Besitz abgeben und die unmittelbaren Einflußgebiets, allerdings handelte es sich Verhältnisse um Bretten durch Verträge mit Württem- nicht um in ihrem Umfang mit den württembergischen berg 1747 und mit der Markgrafschaft Baden-Durlach Klöstern vergleichbare Gebiete. Das Haus Pfalz- 1771 neu ordnen. 1777 wurde nach Aussterben der Simmern 1559-1685 vereinigte mit den Kurlanden bayerischen Wittelsbacher die Kurpfalz mit Bayern wieder das aus der Teilung von 1410 herrührende Fürs- vereinigt, Karl Theodor mußte die Residenz von tentum Simmern samt weiteren Kondominatsanteilen an Mannheim, das 1720 an die Stelle von Heidelberg der Vorderen Grafschaft Sponheim. Zeitweilig war getreten war, nach München verlegen. Da er ohne dieser Besitz aber auch wieder an eine Seitenlinie legitime Kinder blieb, trat 1799 das Haus Pfalz- (1559-1599 und 1611 bzw. 1648-1675) ausgegeben. Zweibrücken sein Erbe an. Damals waren die links- Durch seine nach einigem Schwanken 1583 endgültige
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