Rudolf Dreßler Botschafter A. D., Staatssekretär A. D. Im Gespräch Mit Werner Reuß

Rudolf Dreßler Botschafter A. D., Staatssekretär A. D. Im Gespräch Mit Werner Reuß

Sendung vom 23.7.2013, 21.00 Uhr Rudolf Dreßler Botschafter a. D., Staatssekretär a. D. im Gespräch mit Werner Reuß Reuß: Verehrte Zuschauer, ganz herzlich willkommen zum alpha-Forum. Unser heutiger Gast ist Rudolf Dreßler, Mitglied des Deutschen Bundestages von 1980 bis 2000. Er war u. a. Parlamentarischer Staatssekretär in der Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt, er war stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag und er war zuletzt deutscher Botschafter in Israel. Ich freue mich sehr, dass er hier ist: herzlich willkommen, Herr Dreßler. Dreßler: Guten Tag, Herr Reuß. Reuß: Eigentlich sind Sie ja seit 2005 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, dennoch sind Sie nach wie vor ein sehr gefragter Gesprächs- und Interviewpartner. Ihre Expertise, Ihr Rat wird gesucht und geschätzt. Konrad Adenauer war 73 Jahre alt, als er Bundeskanzler wurde. In diesem Jahr feiern Sie einen ähnlichen Geburtstag. Könnten Sie sich denn vorstellen, noch aktiv in der Politik tätig zu sein? Juckt es Sie manchmal noch? Dreßler: Zu leugnen, dass es manchmal juckt, geht nicht. Aber ich könnte mir gleichwohl nicht vorstellen, noch einmal zurückzukehren. Denn wenn man diese Tätigkeit beendet hat, muss man in der Tat die Fähigkeit des Loslassens beherrschen. Man darf sich da nicht gehen lassen. Denn wenn man nicht loslassen kann, wird es für einen selbst sehr gefährlich. Insoweit hatte ich Glück: Als ich den Bundestag verlassen habe, habe ich eine neue Arbeit begonnen als Botschafter. Dies habe ich fünf Jahre lang machen können und hatte dabei überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich da in Sachen aktiver Politik losgelassen hatte. Als ich dann 65 Jahre alt wurde und das Amt des Botschafters beendet habe, habe ich mir intellektuell immer klar gemacht: "Jetzt beginnt eine neue Phase!" Und dabei soll es auch bleiben. Reuß: Sie haben einmal so schön formuliert: "Politik ist auch eine Sucht." Was macht denn den Suchtcharakter der Politik aus? Sind Sie, um in diesem Bild zu bleiben, noch auf Entzug? Dreßler: Ich habe keinen Entzug gespürt, aber die Begründung liegt tatsächlich darin, dass ich als Botschafter nach Israel gewechselt bin. Insoweit hatte ich keine Zeit, Entzug zu haben. Als ich dann den Botschafterposten beendet habe, hatte ich intellektuell keinen Grund, Entzug zu spüren, weil ich mir immer klar gemacht hatte, dass mit 65 Schluss ist. Das ist nämlich per Gesetz so geregelt, d. h. das weiß man und kann sich darauf einstellen, wenn man will. Ich rate immer dazu, das auch zu tun, denn wenn man das nicht macht, dann wird es schwierig für einen selbst. Ich habe in diesen 20 Jahren im Bundestag diejenigen, die nicht loslassen konnten und ihren Entzug nicht beherrscht haben, oft am Wegesrand gesehen. Das waren z. T. schlimme Ergebnisse. Aber zusammengefasst kann ich für mich selbst sagen, dass mein gelegentlicher Wunsch, zurückkehren zu wollen, nur bedingt ausgeprägt ist. Sicherlich ärgert man sich auch manchmal über die heutigen Politiker, das gebe ich gerne zu. Aber man muss schon auch erkennen, dass diejenigen, die heute die politische Arbeit machen, dafür auch die Verantwortung übernehmen müssen; das habe ich damals ja auch gemusst. Dann kann man sich den Luxus, das Privileg zu kritisieren, auch leisten. Reuß: Sie sind, wie der "Spiegel" einmal schrieb, ein "political animal" durch und durch. Das merkt man auch noch, wenn man Interviews aus aktueller Zeit mit Ihnen liest. Sie scheuen sich nicht, auch zu heißen Themen Stellung zu nehmen. So haben Sie, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen, Ihrer Partei, also der SPD, empfohlen, das selbst auferlegte Koalitionsverbot mit der Linken auf Bundesebene aufzugeben. Sie haben dabei auf sich selbst verwiesen: Sie waren einer der ersten, wenn nicht sogar der erste SPD-Vorsitzende einer Großstadt, nämlich in Wuppertal, der damals eine Koalition mit den Grünen schmiedete, und zwar gegen den erbitterten Widerstand vieler Genossen. Damals galt ja noch der Satz von Johannes Rau: "Lieber ein Haus im Grünen als einen Grünen im Haus." Glauben Sie, dass es über kurz oder lang zu solchen Koalitionen kommen wird? Dreßler: Ich will zunächst einmal doch noch etwas zu den Grünen sagen. Wenn man weiß, dass Johannes Rau wie ich Wuppertaler war – er hat einmal zu mir gesagt: "Ich bin der treueste Wähler deines Wahlkreises mit der Erststimme!" –, dann kann man ungefähr erahnen, wie schwierig es war, mit den Grünen auf kommunalpolitischer Ebene zum ersten Mal in einer deutschen Großstadt eine Koalition zu realisieren. Rau war kein Freund dieses Vorgehens. Ich habe das in vielen Gesprächen mit ihm letztlich, wenn Sie so wollen, besprochen und verhandelt. Ich habe es dann so entschieden, denn ich war Parteivorsitzender in Wuppertal. Ich weiß noch, dass er ganz zum Schluss, als es bei den Koalitionsverhandlungen in die Zielgerade ging, zu mir gesagt hat: "Bist du wirklich davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige ist?" Ich habe nur ganz kalt "Ja" gesagt. Und dann wurde es auch so gemacht. Später hat er selbst dann auf Landesebene eine Koalition mit den Grünen begonnen. Was die Linke betrifft, komme ich zu folgendem Ergebnis: Seitdem die SPD sich diese Rolle selbst verschafft hat, nein zu sagen, bevor sie von den Linken überhaupt gefragt worden ist, hat sie damit – mit diesem Koalitionsverbot – nur einer einzigen Partei geschadet, nämlich sich selbst – sonst keiner. Die CDU ist erfreut, die Grünen sagen: "Das ist uns egal", die Linke ist sauer und beleidigt und die SPD hat Schaden genommen. Nehmen Sie als Beispiel das Jahr 2005. Schröder verlor die Wahl gegen Merkel und hat noch am Abend des Wahltags im Fernsehstudio zusammen mit dem damaligen Parteivorsitzenden Müntefering öffentlich erklärt, dass es keine Koalition mit der Linken geben werde und dass es noch nicht einmal Gespräche geben werde. Damit hat die SPD in dieser Lage selbst noch ihre Rolle als Opposition preisgegeben: Sie war nicht mehr kräftig genug, stark genug, willens genug, als Opposition zu agieren, sondern ging in eine Große Koalition. Die Wahl danach endete für die SPD mit einem Ergebnis von 23 Prozent! Das ist ein so bitteres Ergebnis, ein so gewaltig niederschmetterndes Ergebnis, dass man in der SPD darüber kaum eine Diskussion erlebt hat, weil die Schmerzen bei diesem Ergebnis von nur 23 Prozent wohl unerträglich waren – was ich verstehen kann. Und doch hat die SPD gleichwohl diesen Fehler vor den folgenden Wahlen sofort wiederholt: etwas auszuschließen, was die Linken von der SPD zunächst einmal gar nicht verlangt hatten. Aber die CDU/CSU hatte verlangt, dass die SPD Stellung nimmt. Und sie hat das, wenn man so will, per vorauseilendem Gehorsam getan. Heute ist sie in einer Lage, dass ihr alle Umfragen die nächste Frage aufzwingen. Diese Frage lautet: "Außer einer Großen Koalition wird es nichts anderes geben. Wollt ihr das?" Und jede Antwort der SPD ist nun kontraproduktiv für sie. Das heißt, sie hat sich aufgrund dieser Haltung in eine Lage begeben, die ich intellektuell nicht mehr nachvollziehen kann. Reuß: Sie selbst haben ja mit Ihrer Partei – Sie sind ja doch groß geworden in dieser SPD – auch immer wieder gehadert. In der Presse wurde auch immer wieder mal spekuliert, Sie würden vielleicht sogar die SPD verlassen wollen. Es gab, so konnte man lesen, auch ein Angebot der Linken an Sie. Sind Sie inzwischen wieder versöhnt mit der SPD? Dreßler: Ich sage mal so: Unter einer Versöhnung verstehe ich etwas anderes. Wenn ich erlebe, dass der amtierende Fraktionsvorsitzende und der amtierende Kanzlerkandidat der SPD auf das, was der Partei diese 23 Prozent eingebracht hat, rhetorisch und mit Stolz verweisen, dann kann ich von "ich bin wieder mit ihr im Reinen" nicht sprechen. Dass es Korrekturen gegeben hat bzw. dass Korrekturen immerhin beabsichtigt sind, habe ich zur Kenntnis genommen, aber diese Dinge waren auch überfällig. Ich glaube, dass in der Führung der SPD die Kraft nicht vorhanden ist, Fehler, die man gemacht hat, auch als solche zu benennen und zu sagen: "Wir erkennen, dass das falsch gewesen ist und wir werden das korrigieren, wenn man uns lässt." Und solange dieser Satz nicht fällt, wird es immer genug Leute geben, die der SPD das nicht verzeihen, was sie gemacht hat an meiner Meinung nach falscher Politik. Die Repräsentanten, die ich soeben genannt habe, nennen das ja sogar noch eine richtige Politik. Das ist der Dissens und deshalb kann man nicht davon reden, dass ich mit der SPD heute eine totale Versöhnung vollzogen hätte. Reuß: Ich würde gerne noch auf Ihr allgemeines Politikverständnis zurückkommen. "Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst", so wird Otto von Bismarck zitiert. Horst Seehofer, der heutige bayerische Ministerpräsident, hat das etwas weniger pathetisch formuliert, als er gesagt hat: "Politik ist einfach das Managen der Lebensbedingungen für die Menschen." Was ist Politik für Rudolf Dreßler? Dreßler: Ich kann mich mit dem Satz von Horst Seehofer durchaus identifizieren: Das ist so. Ich sage es mal bildhaft. Wenn man Menschen fragt, ob sie politisch interessiert sind, und sie mit: "Nein, ich will damit nichts zu tun haben", antworten, und wenn man erwidert: "Sind Sie sich im Klaren darüber, dass Sie dann, wenn Sie morgens aufstehen und ihre Nachttischlampe einschalten, wenn es noch dunkel ist, bereits Politik machen?", dann erntet man in der Regel große Überraschung. Insoweit fällt mir die Antwort auf Ihre Frage also relativ leicht: Das ganze Leben ist Politik – ob man das nun akzeptieren will oder nicht. Und diejenigen, die das nicht akzeptieren, machen dadurch

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