Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 26. J a hrg;111g 1979 1 lcft 4/5 Adolbert Behr Die Bauhochschule Weimar 1926-1930 In der über hundertjährigen ereignisreichen Geschichte der Kunstakademie wieder erreichen wollten, indem ihr eine Kunst­ künstlerischen Ausbildungsstätten Weimars war clie Ära der gewerbeschule mit Architekturklasse angegliedert werden sollte. „Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst", der So war es nur folgerichtig, daß die Bauhochschule durch die Bauhochschule, die kürzeste. Bereits 1930, vier Jahre nach ihrer von der monopolkapitalistisch-junkcrlichcn Deutschnationalen Eröffnung, wurde sie wieder geschlossen. Volkspartei und der großbürgerlichen Deutschen Volkspartei D as Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands, gefü hrten Thüringischen Landesregierung relativ hohe Staats­ die „Rote Fahne", schrieb unter der Schlagzeile „Bauhaus Des­ zuschüsse erhielt: sau. Bauhochschule Weimar - Kulturreaktion und Architektur' 1926 und 1929 je 150 000 Reichsmark, am 15. August 1930: „53 kommunistische Redakteure sind ein­ 1927 und 1928 je 165 000 Reichsmark.2 gekerkert, revolutionäre Bücher, Broschüren, Filme und Theater­ Vordem hatte dieselbe Regierung, um die Schließung des stücke werden verboten, die Zensur triumphiert, es ist in der Bauhauses herbeizuführen, den Antrag der beiden Arbeiter­ deutschen ,Republik' strengstens untersagt, Christus mit Gas­ parteien, der KPD und SPD, für 1925 dem Bauhaus Mittel in maske und Kommißstiefel darzustellen (George Grosz, d. Höhe von 100 000 Reichsmark zur Verfügung zu stellen, im Verf.) ... Natürlich haben unter diesen Umständen neuzeitliche Bündnis mit allen Rechtsparteien wegen angeblicher finanziel­ Architekten an der Spitze von deutschen Bauhochschulen nichts ler Schwierigkeiten abgelehnt, obwohl damals der Haushalt zu suchen." Die fristlose Entlassung des Bauhausdirektors Han­ Thüringens jährlich noch mit einer aktiven Bilanz von mehre­ nes Meyer wurde ebenso als „eine Teilerscheinung der sich ren Millionen RM abgeschlossen wurde.3 Das war Ausdruck ständig verschärfenden Kulturreaktion in Deutschland" ge­ einer Politik, die einerseits den Abbau der von den werktätigen wertet wie das Schicksal des nach der Vertreibung des Bau­ Klassen und Schichten erkämpften sozialen und kulturellen Er­ hauses aus Weimar geschaffenen Nachfolgeinstituts: „Statt Gro­ rungenschaften einleitete, andererseits zum Beispiel im Bil­ pius wurde der gemäßigtere Bartning an dem nunmehr ,Bau­ dungswesen darauf orientierte, einige vorrangig der bürger• hochschule' genannten Weimarer Institut der neue Leiter. Aber lichen Klasse zugänglichen höheren Bildungseinrichtungen wie siehe: der ,gemäßigte' Barming war der thüringischen Reaktion die Theater, die Universität Jena und auch die Bauhochschule noch immer nicht gemäßigt genug. So kam 1930 der ,rasse­ Weimar besonders zu fördern. reine' Schultze-Naumburg an die Reihe und die ,Bauhoch­ Der nacl1-eifljährigen Verhandlungen zum Direktor berufene schule' heißt nun ,Vereinigte Schule für Architektur, bildende Otto Bartning, ein namhafter Vertreter des Neuen Bauens und Künste und Handwerk'. Statt einer innenarchitektonisch nütz­ des Deutschen Werkbundes, der sich bisher nicht in dem Maß.:: lichen Metallwerkstatt existiert nun eine ,kunstgewerblich' wie etwa Walter Gropius oder Bruno Taut kulturpolitisch nutzlose ,Kunstschmiedewerkstatt', die Weberei wurde in eine engagiert und im Kreuzfeuer reaktionärer Kritik gestanden elegante Modewerkstatt verwandelt und die Töpferei ver­ hatte, baute eine neue, aus zwei miteinander verbundenen Ab­ schwand (denn Töpfe sind Gebrauchsgegenstände des Alltags) . teilungen - den Werkstätten und der Bauabteilung - bestehende Die rass ereine Luxuskunst wird von nun an in Thüringen die Schule auf. Dabei vermochte er nicht nur unmittelbar Erkennt­ Rolle eines rassereinen bürgerlichen Luxushündchens spielen." nisse und Erfahrungen des Bauhauses zu nutzen, sondern auch Damit begann an einer solchen traditionsreichen künstlerischen einen Großteil der Lehrkräfte aus dem Kreis der Bauhäusler Ausbildungsstätte die Faschisierung. Und ich darf hinzufügen, zu gewinnen, wie Ernst Neufert, Erich Dieckmann, Ludwig daß Anfang 1930 bei den Nazis sogar der Plan bestand, ihren Hirschfeld-Mack, Otto Lindig, Reinhold Weidensee, Richard staatenlosen Parteiführer Adolf Hitler mit der Leitung der Winkelmayer, Wilhelm Wagenfeld und Heinz Nösselt. Sie be­ Weimarer Bauhochschule zu beauftragen, um ihm dadurch stimmten maßgeblich Inhalt, Struktur und Methoden der Aus­ unter anderem das deutsche Staatsbürgerrecht zu verschaffen. bildung und praxisorientierten künstlerischen Arbeit, so daß Doch lehnte dieser dann ein derartiges Vorhaben ab. L die „Staatliche Hochschule für Handwerk und Baukunst" durch­ Wie die Entwicklung des Bauhauses war auch die Geschichte aus als Tochterinstitut des Bauhauses angesehen werden darf.4 seines achfolgeinstituts in Weimar eng mit dem politischen Anläßlich der Eröffnung der Bauhochschule formulierte 0 . Prozeß des Landes verbunden. Bartning deren Aufgabe: „Wir wollen den Handwerker, den Als am 19. April 1926 die „Staatliche Hochschule für Hand­ Kunsthandwerker, den Techniker, den Künstler ... hinfüh• werk und Baukunst" unter der Direktion des Berliner Archi­ ren und ausrüsten zu eben dieser Aufgabe des schaffenden und tekten Otto Bartning (1883-1959) feierlich eröffnet wurde, des gestaltenden Menschen. Dem Handwerker wollen wir den schienen sich die kulturpolitischen Bestrebungen der Thüringi• Sinn für die typenschaffende Maschine, dem Techniker den Sinn schen Landesregierung, einer großbürgerlichen Rechtsregierung, für die tastende, greifende, aus dem Stoff Eingebungen emp­ zu erfüllen, a nstelle des politisch exponierten Bauhauses mit fangende Hand aufschließen, dem Handwerker und dem Tech­ seinen zukunftsweisenden Programmen und progressiven kul­ niker wollen wir den Sinn wecken für den Zusammenhang sei­ turellen Zielen eine Hochschule geschaffen zu haben, die mit ner großen Aufgabe: Handwerk und Maschinenwerk, Einzel­ den bürgerlichen Kulturansprüchen konform gehen würde, ohne stück und Reihenfluß zusammenzufügen zum menschlichen in künstlerischen Provinzialismus zu verfallen, wie er für die \X1erk, zum Bauwerk."5 von der Reaktion bereits 1921 neu gegründete und gegen die Mit der Schaffung der Bauabteilung konnten in Weimar die Arbeit des Bauhauses gerichtete „Staatliche Hochschule für Bestrebungen eines Henry van de Velde und Walter Gropius, bildende Kunst" in Weimar kennzeichnend war. D eshalb fan­ die Architektur in den Mittelpunkt des Ausbildungsprozesses den auch jene V ersuche kleinbürgerlicher Interessengruppen zu stellen, endlich verwirklicht werden. Die Bauabteilung als keine Beachtung, die wie die Handwerkskammer Weimar die Kern der neuen Hochschule bildete mit dem ihr zugeordneten „undeutsche Kunstrichtung" des Bauhauses durch eine Kunst­ Bauatelier, einem Entwurfsbüro, in vier Semestern Absolven­ gewerbeschule ablösen oder wie konservative Künstlerkreise ten der Baugewerkschulen und Studenten mit Vorexamen einer Thüringens, die einstige Vormachtstellung einer traditionellen Technischen Hochschule zum Architekten aus. In den beiden 382 Studentenheim Jena, 1929-1930. Unter Leitung von Ernst Neufert im Bauatelier der Bauhochschule projektiert ; nach Kriegszerstörung rekonstruiert 2 Studentenheim Jena, Grundrisse der Hauptgeschosse - „.gf- - · i 1 1 ~ 1 1 1 ßUUü üiißilii - ~ - -tt,go -- J •1 383 3, 4 Studentenorbeit der Bauabteilung, 1926. Entwurf für eine Bouhochschule auf dem Gelände „Am Horn" in Weimar ; Gestaltung folgt den Prinzipien des Neuen Bauens Dies: zwei Blätter aus der späteren Durcharbeitung lageplan m:l,10000 mosstöblich• drauf s ieht stabaho ,..----------- s-w-ansicht n-w-ansic ht -. ··. 384 r,___ 1 II ß B~ ::. ~mt.,.:t:~~ r~ ::3 r I' .i u ' 'OE E3~~ -~ ~~t:::il:~~~~~~~ =30' II n 1 r -1 ··· n~E 1 E3µ.,u~~~~ 3EJ r:_-o " :x::~ IE B,._,.........."'....,.~,._~_. ::a o1 II u 1 1 1 u DE - n 1 1 1 o Bi.,;·t~~~u ::30 1 DE - CJ 30 II II 1 1 1 II DE - - - ,. ~r 5, 6 Wohnungsbau-Projekt, 1927. Studentenarbeit im zweiten Semester der Baua bteilung 7 Kreiskinderheim Ruppin von Otto Borlning, 1926. Schronkroum: Be ispiel für das Zusammenwirken mit den Werkstätten der Bauhochschule - der Tischlerei. Metallwerkstatt, Weberei und Baumalerei ersten Halbjahren fanden Vorlesungen und Übungen sratt in tigkeiten zu festigen und zu vertiefen. Dieses praxisbezogene Entwerfen, Gebäudekunde, architektonischer Gestaltung, Dar­ Studium erfolgte im Bauatelier, das mit seiner modern ::'.n be­ stellung, Baukonstruktion, Mathematik, Statik und Ingenieur· triebstechnischen Einrichtung, seiner planmäßigen Arbeits­ bau, Innenausbau, Schrift, Betriebswirtschaft, Kostenberech­ methode vom Entwurf bis zur Bauleitung und Abrechnung, mit sei ner Zusammenfassung künstlerischer, technischer und wissen­ nung und Rechtskunde. Eine einjährige Arbeit an realen Bau· schaftlicher Kräfte dem Charakter eines damaligen Architekten­ aufgaben schloß sich an, um das vermittelte Wissen praktisch und gezielt anzuwenden, die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fer- büros entsprach. 385 riker Paul Frnnkl, hinzu kamen Vorträge von namha ften Per­ sö nlichkeiten aus Kultur, Kunst, Politik und Wissenschaft. Seit Bestehen der Bauhochschule erhöhten sich die Studenten­ zahlen bei einem jährlichen Schulgeld von 150 Reichsmark ständig, wenn sie auch nicht an diejenigen des Bauhauses in \Xfe inrnr oder Dessau heranreichten.7 Jahr Studenten 1926 39 1927 44 1928 78 1929 88 Davon studierten zum Beispiel 1928
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