Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 3. Mai 2018 Thomas Mann - ein kritischer Wagnerianer Vortrag vor dem Richard Wagner Verband München am 5. Mai 2018 von Wolfgang Kupfahl Folie Thomas Mann - ein kritischer Wagnerianer 1. Vorbemerkung 1947 arbeitete Thomas Mann in seinem Haus in Kalifornien an seinem Vortrag: „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“, den er auf Deutsch als ersten Vortrag in Europa nach dem Kriege in Zürich halten wollte - und gehalten hat. Das Manuskript wurde länger und länger und als T. M. endlich fertig war, ging Tochter Erika wie gewohnt darüber und fing an, es wieder radikal zu kürzen. Thomas Mann schrieb dazu an seine amerikanische Gönnerin Agnes Meyer: „Bisher ging es noch ohne Blutvergießen ab, aber jetzt beginnt das Morden“ und als auch Erika fertig war, teilte er dem Schweizer Literaturhistoriker Fritz Strich mit: „Den Nietzsche habe ich doppelt so lange geschrieben, als ich ihn aufsagen kann - und das Doppelte ist die Hälfte von dem, was zu sagen wäre. Erwarten Sie also in der Stunde nur ein Süppchen“. Mein Manuskript für den heutigen Vortrag war auch einmal lang, nicht viermal, wie bei Thomas Mann, aber immerhin zweimal so lang, wie ein Vortragender sich erlauben darf. Also: erwarten auch Sie von mir nur ein „Süppchen“. —————— Folie Thomas Mann und Richard Wagner Seite 1 von 53 Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 Was erwartet Sie heute. Das Thema ist ungeheuer reich, komplex und ozeanisch tief, wie könnte es bei zwei solchen Künstlern und Charakteren anders sein. Wer sich darauf einläßt, läuft Gefahr, zu ertrinken. Was aber noch hinzukommt, das sind die Schicksale beider vor und im sog. Dritten Reich, Schicksale, die extrem auseinanderdrifteten, weil sie von mächtigen Autoritäten gesteuert wurden. Das Verhältnis Thomas Manns zu Richard Wagner ist auch und gerade auch deshalb ein Vorgang, ein Geschehen. Ich versuche in den nächsten etwa 1/1/2 Stunden einen Einstieg. Mehr geht heute nicht. Wir brauchen dennoch die genannte Zeit, wie Sie gleich erkennen werden. Es geht mir dabei darum, dass wir uns erst einmal die wichtigsten Fakten ansehen bzw. wieder in Erinnerung rufen. Fakten zu Thomas Manns Verhältnis zu Richard Wagner. 2. Leiden und Größe Richard Wagner kennen Sie alle zur Genüge. Doch wer war Thomas Mann? Es bestehen erstaunliche Parallelen. „Leidend und groß, wie das Jahrhundert, dessen vollkommener Ausdruck sie ist, das neunzehnte, steht die geistige Gestalt Richard Wagners mir vor Augen“. So begann Thomas Mann bekanntlich seinen großen Vortrag über Richard Wagner, gehalten am 10. Februar 1933 in der Aula der LMU München und kurz darauf in Amsterdam, Brüssel und Paris sowie von 1934 bis 37 in weiteren Städten in Europa und den USA. „Leidend und groß“: Aber steht uns nicht auch Thomas Mann, 1875 in Lübeck geboren und 1955 im 81. Lebensjahr in Zürich gestorben, steht nicht auch er uns „leidend und groß“ vor Augen, ist nicht auch er ein Ausdruck seines Jahrhunderts, das sich kalendarisch über zwei Jahrhunderte erstreckte? Seite 2 von 53 Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 Auch Thomas Mann war groß auf seinem ureigensten Gebiet, dem Schreiben, wie es Richard Wagner auf dem Gebiet des Komponierens gewesen war. Und Thomas Mann war ein passabler Musiker, wenngleich Richard Wagner im Vergleich dazu ein wohl deutlich besserer Schriftsteller genannt werden darf. Auch Thomas Mann trat mit in ihrer Art revolutionären Werken hervor. Auch er bekannte sich zum leitmotivischen „Themengewebe“ (sein Ausdruck), schon mit 25 Jahren in „Buddenbrooks“, später im „Zauberberg“ und anderen Werken. Auch Thomas Mann gestaltete den Mythos, siehe u. a. „Josef und seine Brüder“. Zahlreiche seiner Novellen, ich nennen nur „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig“, sind durchwirkt von sich wiederholenden Signaturen, Motiven und Ideen, sprich: Leitmotiven. Und das große Schlusswerk der beiden: Auch Thomas Mann hinterließ mit dem „Doktor Faustus“ seinen „Parsifal“, wie er selbst bekannte, den er rund um sein 70. Lebensjahr geschrieben hatte, wie Richard Wagner den seinen (wenn auch 1864 textlich konzipiert und 1882 vollendet). Betrachten wir die Lebenskurven: Auch Thomas Mann mußte aus seinem Vaterland fliehen (genau: er sah sich gezwungen, nicht zurückzukehren, mittelbar veranlaßt ausgerechnet durch Richard Wagner, welch eine Ironie des Schicksals) - fliehen, wie Richard Wagner, auch aus München - und fand in der Schweiz Unterkommen (mit echtem Pass!), später in Amerika, dann wieder in der Schweiz, dort dann also zum zweiten Mal, wie Richard Wagner. Und beinahe wäre Thomas Mann ja auch nach dem Krieg Ehrenpräsident der neuen Bayreuther Festspiele (d. h. eines neuzubildenden Stiftungsrats) und damit gewissermaßen später „Stellvertreter“ Richard Wagners geworden, was ihm der erste Wagner- Enkel Franz Wilhelm Beidler 1947 angetragen hatte. Und beide, Wagner und Mann, sahen sich, nicht zu vergessen, demselben kritischen Geist und Wanderer zwischen den Welten gegenüber: Friedrich Nietzsche. Folie Friedrich Nietzsche Seite 3 von 53 Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 Der erste und tiefste Wagnerianer Franz Wilhelm Beidler schreibt in seinem Brief vom 3. Januar 1947 an den damaligen Oberbürgermeister von Bayreuth, Oskar Meyer, u. a. Folgendes über Thomas Mann: Folie Franz Wilhelm Beidler Zitat 1 „Er muss heute mit Fug und mit Recht als der erste und tiefste aller Wagnerianer im positiven Sinne dieses Begriffs bezeichnet werden“. Susan Sontag, über Jahrzehnte hinweg die wichtigste Stimme in der amerikanischen Kulturszene, zählte Thomas Mann 1980 (deutsch 1983) in ihrem Essayband „Im Zeichen des Saturn“ sinngemäß zu den „größten Wagnerianern“ - „The greatest Wagnerian(s)“. Zu recht? Zu recht! Aber mit den Einschränkungen von Thomas Mann selbst! Wenn sich Thomas Mann die „geistige Gestalt“ Richard Wagners vor Augen stellte, dann betrachten wir die „geistige Gestalt“ Thomas Manns, wenngleich nur in ihrer Beziehung zu Richard Wagner. Werfen wir einen summarischen Blick auf das Werk Thomas Manns. Folie Das Werk Thomas Manns - 8 Romane - 33 Erzählungen - 500 Essays, Vorträge, Vorworte, u.Ä. - 55 Ansprachen „Deutsche Hörer“ 1940-45 - 25 000 Briefe - 10 Bände Tagebücher Wenn sich eine solche schriftstelleriche Größe ihr ganzes bewusstes Leben lang mit Richard Wagner auseinandersetzt, und zwar nicht in Seite 4 von 53 Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 negativ bis ablehnender Weise, sondern in kritisch bis bejahender Weise, dann sollte das Grund genug sein, sich auch heute noch mit ihr zu beschäftigen, Grund genug für alle Wagnerverbände. Denn einen solchen Verbündeten in Sachen Richard Wagner gab und gibt es unter den sog. Kulurschaffenden keinen zweiten! Der Richard Wagner Verband München knüpft heute gewissermaßen an eine alte, ja fast schon uralte Tradition an: Es war der Richard Wagner Verband München, der Thomas Mann und seiner Schwester Carla Freikarten für den „Tristan“ im neuerbauten Prinzregententheater vermittelte. Das war 1902! 3. Enthusiastische Ambivalenz Nietzsche wünschte sich in seinem wunderbaren Aphorismus 279 in der „Fröhlichen Wissenschaft“ von 1882 eine „Sternen-Freundschaft“, die ihn dermaleinst im Jenseits - weil auf Erden nicht möglich - mit Richard Wagner verbinden möge. Könnte Thomas Mann wenigstens in die Nähe eines solchen Wunsches gelangt sein? Wir werden sehen. Für die öffentliche Beschäftigung Thomas Manns mit Richard Wagner stehen im wesentlichen folgende Darstellungen: Folie Die wichtigstens Texte Thomas Manns über Richard Wagner -1911 „Auseinandersetzung mit Wagner“ -1917 „Musik in München“ -1918 „Betrachtungen eines Unpolitischen“ -1925 „Briefe aus Deutschland“ -1925 „Kosmopolitismus“ -1927 „Wie stehen wir heute zu Richard Wagner“ -1928 „Ibsen und Wagner -1933 „Leiden und Größe Richard Wagners“ -1937 „Richard Wagner und der `Ring des Nibelungen`“ -1938 „Bruder Hitler“ -1939 „Zu Wagners Verteidigung“ Seite 5 von 53 Mann-Wagner 05.05.18, 21:49 -1943 „Schicksal und Aufgabe“ -1948 „Die Entstehung des Doktor Faustus“ -1950 „Richard Wagner und kein Ende“ -1951 „Meistersinger“ -1951 „Die Briefe Richard Wagners“ Hinzu kommen zahreiche briefliche Äußerungen und vor allem ein ununterbrochener Strom von Tagebucheintragungen. Mir ist kein Schriftsteller bekannt, der sich so intensiv mit Richard Wagner auseinandergesetzt hat. Kein Schriftsteller, dessen Urteil über Richard Wagner so gefragt war. Thomas Mann selbst hat sich mit keiner anderen künstlerischen Gestalt so beschäftigt wie mit Richard Wagner. Im Mittelpunkt seiner persönlichen „liebenden Hingabe“, ein Ausdruck von Thomas Mann selbst, an die Musik Richard Wagners stand „Lohengrin“. Die erste Wagner-Oper, die Thomas Mann, damals so an die 17 Jahre alt, in Lübeck sah und hörte, war „Lohengrin“, - er hörte das Vorspiel 1895 als Zwanzigjähriger auf der Piazza Colonna in Rom - und, am Ende seines Lebens, drei Monate vor seinem Tod, wurde die Feierstunde zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Lübeck am 12. Mai 1955 auf Wunsch von Thomas Mann mit dem Vorspiel zu „Lohengrin“ eröffnet. Das Vorspiel zu Lohengrin blieb das Lieblingsstück Thomas Manns zeit seines Lebens, buchstäblich vom Anfang bis zum Ende. Merkwürdig, diese Parallelen: Lohengrin war auch die erste Wagner- Oper von König Ludwig II in München, er war damals 15 Jahre alt und von Hitler in Linz, nach eigener Aussage damals 12 Jahre alt. Hören Sie die Stimme Thomas Manns dazu im Süddeutschen Rundfunk 1954 und anschließend die ersten drei Minuten des Lohengrin-Vorspiels aus der Aufnahme mit Hans Knappertsbusch und dem Tonhalle Orchester Zürich von 1947, die damals in dem Wunschkonzert gespielt wurde. Seite 6 von 53 Mann-Wagner
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