Tour 4 Spandauer Vorstadt

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68 Kunst- und Modezirkus Alte, neue und vergessene Mitte IV Tour 4 Spandauer Straßen voller Galerien und styli- Vorstadt sher Flagshipstores, dazwischen die digitale Boheme in angesagten Kaum ein Berliner, der zum lässigen Tour Bars. Shoppen, essen, feiern – will- Shoppen rund um die Hackeschen Höfe Span kommen in Berlins cooler Mitte! aufbricht, zu einer Vernissage in die uer unzähligen Galerien oder zum Status- Vorst gequatsche in eine hippe Bar, sagt, dass er in die Spandauer Vorstadt geht. Der historische Name des Viertels, das übri- gens mit dem Stadtteil Spandau im Nordwesten Berlins nichts zu tun hat, hat in der Alltagssprache fast ausge- dient. Man sagt schlicht „Mitte“. Zur coolen Mitte wurde die Spandauer Vorstadt erst in jüngerer Zeit – in ihren Anfängen galt sie als der Hinterhof Berlins. Hier, vor den einstigen Toren der Stadt, hausten die Schwächsten der Schwachen, Wohnungslose und Tage- löhner, Prostituierte und Kleinkriminelle. Spaz Ende des 19. Jh. gesellten sich ost- ga europäische Juden hinzu, die vor Pog- romen in Russland und Polen geflüch- tet waren. Sie verhalfen dem Viertel zu einer gewissen Blüte. Niedrige Häuserzeilen aus dem 18. und 19. Jh. vermitteln mancherorts noch heute kleinstädtisch-pittoresken Charme. Der Krieg ging aber auch an der Span- dauer Vorstadt nicht spurlos vorüber, und zu DDR-Zeiten wurden die Lü- cken mit hässlichen „Ersatzneubau- ten“ geschlossen. Unmittelbar nach der Wende teilte die Rund um die August- und Linien- Spandauer Vorstadt das Schicksal von straße, hier versammeln sich eini- Prenzlauer Berg und Friedrichshain. ge der spannendsten Kunsträume Aber viel schneller als dort standen der Stadt, zudem jede Menge tolle hier auch die Investoren parat. Die Läden Berliner Labels, S. 74 f. Ossi-Omas in Kittelschürze verschwan- Hackesche Höfe, shoppen und den, Konsum und Eckkneipe wurden bummeln im Hinterhof, S. 75 durch Boutiquen und New-York- Neue Synagoge, die einst größte Cheese-Cake-Cafés ersetzt. Heute wirkt Synagoge Europas mit einer infor- im versnobtesten Szeneviertel der mativen Ausstellung, S. 76 Stadt vieles etwas aufgesetzt und tou- ristisch verkitscht. Manche Ecken hal- Zeiss-Groß- KulturBrauerei planetarium SpaziergangGedenkstätte 69 Berliner Mauer Naturkunde- PRENZLAUER ten aber noch museum BERG Hackesche immer einen Höfe Volksbühne Schloss Hauptbhf. Charlottenburg Alexanderplatz Hauch Ostberli- Schloss MITTE Fernsehturm Bellevue Reichstag ner Authentizi- Branden- Museums- Nikolai- CHARLOTTENBURG burger Tor insel viertel ZOB Deutsche Siegessäule Holocaust- tät parat, au- Berlin Kulturforum Denkmal Gendarmen- Oper Tiergarten Botschafts- markt FRIEDRICHSHAIN ßerdem überra- Funkturm viertel Potsdamer Checkpoint Platz Charlie MesseMMee Gedächtniskirche East Side Mercedes-s- schen originelle KaDeWe Schwules Gallery Benz Museum Jüdisches Arena Bars und Clubs Museum WILMERSDORF Technik- KREUZBERG aus alten Zeiten. SCHÖNEBERG museum Hermann- platz Volkspark Auch die jüdische Hasen- Rathaus heide Kultur wurde im Klei- Schöneberg Tempelhofer NEUKÖLLN Feld Kindl - Zentrum für Spandauer Vorstadt nen wiederbelebt, es gibt zeitgenössischezeitgenög nöössisssississchechc KunstKunsKunst einige jüdische Cafés und Kultureinrichtungen. Im Norden der Naturkundemuseum und die Gedenk- Spandauer Vorstadt warten zudem zwei stätte Berliner Mauer. Sehenswürdigkeiten, für die Sie den Tour-Info Länge ca. 4,6 km, Dauer ca. Marker zücken sollten: das großartige 2:30 Std., Karte S. 72/73. Spaziergang ϓ Karte S. 72/73 Ausgangspunkt des Spaziergangs ist halb des Stadtgebietes untersagt wur- der Rosa-Luxemburg-Platz am gleich- den und hier – damals lag das Gebiet namigen U-Bahnhof. Den Platz be- noch außerhalb der Stadtmauern – neu herrscht, einer Trutzburg gleich, die errichtet wurden. Ein Bewohner des Volksbühne – vorne hui, an den Seiten Scheunenviertels, der in die Geschichte pfui, was dem Wiederaufbau nach dem einging, war übrigens Julius Fromm, Krieg geschuldet ist. Ein Viertel Jahr- ein osteuropäischer Jude, der 1893 im hundert prägte Frank Castorf die Alter von zehn Jahren aus Posen hier- Bühne, zuletzt war unklar, welchen her kam. Er schlug sich zunächst als Weg sie zukünftig beschreiten soll. Vor Zigarettendreher durch und besuchte der Volksbühne sind auf Gehwegen schließlich die Abendschule für Che- und Fahrbahnen dunkle Betonbalken mie, um dann als Erfinder des nahtlo- mit Zitaten Rosa Luxemburgs eingelas- sen Gummipräservativs zu Berühmt- sen – ein Denkzeichen des Künstlers heit zu gelangen. „Fromms zieht der Hans Haacke. Edelmann beim Mädel an“ war einer Zur Spitze des dreieckigen Platzes hin der Werbesprüche, bis sich die Nazis befindet sich das Kino Babylon, eines den Betrieb unter den Nagel rissen. der schönsten Filmtheater Berlins und Weitere grandiose Berliner Erfindun- eine der Spielstätten der Berlinale gen sind übrigens die Postkarte (1865), (ʲ Kultur, S. 253). der Haartrockner (1900), die Thermos- kanne (1903) und Ohropax (1908). Scheunenviertel Scheunen gibt es im Scheunenviertel heute keine mehr, es dominiert die Die Rosa-Luxemburg-Straße führt hin- mittetypische Mischung aus Altbau ein ins Scheunenviertel, das sich von und Platte. Darin: schicke Läden, hier gen Westen bis zur Rosenthaler darunter auch viele Stores Berliner Straße zieht. Das Viertel erhielt seinen Modelabels. Außerdem: viele Tou- Namen im 17. Jh., als aufgrund eines risten. Der erste Abschnitt des Spa- Brandschutz-Erlasses Scheunen inner- ziergangs ist dem Shoppen oder 70 Tour 4: Spandauer Vorstadt An der Volksbühne Windowshoppen gewidmet. Er ver- Die Höfe münden in die Sophienstraße. läuft über die Rosa-Luxemburg-Straße, Die Sophienkirche (s. u.) und die stuck- die Münzstraße (mit einem Denkmal verzierten Häuser entlang der Straße für Deutschlands Säulenheiligen Ernst verströmen Kleinstadtatmosphäre – Litfaß), die Alte Schönhauser Straße, einst befand sich hier das Handwerker- die Mulackstraße und die Rosenthaler viertel der Spandauer Vorstadt. Das Straße in die Gipsstraße. ehemalige Handwerkervereinshaus schräg gegenüber der Kirche, das ein Nun lernen wir Hinterhöfe und ge- repräsentatives Terrakotta-Doppelpor- heimnisvolle Durchfahrten kennen, die tal besitzt, erinnert daran. Im Inneren die Spandauer Vorstadt ebenfalls prä- befindet sich das Theater Sophiensaele gen. Von der Gipsstraße 12 führt eine (ʲ Kultur, S. 244). schmale Passage in die Sophie-Gips- Höfe. Der Komplex drum herum ent- stand für einen Nähmaschinenfabri- Durch die Hackeschen Höfe kanten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Von der Sophienstraße 6 führt ein un- Das heutige Aussehen der liebevoll res- auffälliger Durchgang hinein in die taurierten Höfe ist dem Ehepaar Erika ʲ Hackeschen Höfe, ein städtebauli- und Rolf Hoffmann zu verdanken. Sie ches Juwel, das jeder Berlin-Tourist richteten Loftbüros und Wohnungen in einmal gesehen haben sollte. Folgt man dem Ensemble ein und schufen sich in den Höfen der Beschilderung zu selbst ein sagenhaftes Penthouse oben- Hof I, verlässt man die Hackeschen auf. In einem Teil ihrer Privaträume (!) Höfe zur Rosenthaler Straße hin. macht Erika Hoffmann heute jeden Rechts voraus liegt der S-Bahnhof Samstag ihre Kunstsammlung, die Hackescher Markt. Doch bevor wir ʲ Sammlung Hoffmann, der Öffentlich- uns dorthin aufmachen, werfen wir keit zugänglich – sehenswert. Ohnehin noch einen Blick linker Hand in den wimmelt es in den Höfen nur so vor nächsten Durchgang (Hnr. 39) und Kunst, schauen Sie sich um. damit in den schrabbelig-charmanten, Spaziergang 71 schlauchförmigen Hof des ʲ Hauses spruchsvolle Kunst in der Oranienbur- Schwarzenberg – das Gegenprogramm ger Straße. Von der einst mythen- und zum aufgeputzten, kommerzialisierten kunstbeladenen Straße ist nicht viel Nachbarn. übrig geblieben. Die touristisch-kom- merzielle Verödung brachte gesichtslo- Der 1880 errichtete S-Bahnhof Hacke- se 08/15-Lokale mit aufdringlichen Kell- scher Markt ist ein kleines Schmuck- stück mit Pilastern, Bögen, Gesimsen nern. Nur eines hat sich auf der schon und Mosaiken. Die Terrassenlokale auf in den Goldenen Zwanzigern „Geile dem gleichnamigen Platz davor haben Meile“ genannten Straße nicht verän- an lauen Sommerabenden eine magi- dert: Ab Sonnenuntergang schwenken spacig aufgetakelte Bordsteinschwal- sche Anziehungskraft auf Touristen, Spandauer Vorstadt die hier den Straßenmusikanten lau- ben ihre Handtäschchen. schen. Donnerstags und samstags fin- Linker Hand, wo sich heute der Monbi- det hier zudem ein kleiner Wochen- joupark erstreckt, stand einst das markt statt, auf dem auch Souvenirs gleichnamige Schloss, das 1960 als verkauft werden. Kriegsruine gesprengt wurde. Gen Wes- ten schließt an den Monbijoupark Ber- Oranienburger Straße lins einstiges Haupttelegrafenamt an. Anfang des 20. Jh. wurde es erbaut, die Spaziert man mit den S-Bahngleisen dazugehörige Rohrpostanlage war bis ϓ zur Linken weiter und hält sich bei der 1986 in Betrieb. Zusammen mit sieben Karte S. 72/73 ersten Möglichkeit rechts, bei der fol- weiteren denkmalgeschützten Gebäu- genden Gabelung aber links, gelangt den wird der Komplex, der bis zur man auf die Oranienburger Straße. Dort Spree reicht, in moderne Lofts, Büros versteckt sich rechter Hand hinter und Wohnungen umgewandelt. Das Hnr. 18 die ʲ Galerie Sprüth Magers, Projekt nennt sich Forum Museums- eine der führenden Galerien der Stadt insel, im Telegrafenamt selbst soll ein und eine der letzten Adressen für an- Spa-Hotel entstehen. Die Sophie-Gips-Höfe stecken voller Kunst W o l S g a t r s . t e r ) er FFranzösischerranzösischer au Hussitenstr. Arkona- M FFriedhofriedhof IIII 72 Tourer 4:
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