13610 Deutscher – 19. Wahlperiode – 110. Sitzung, Berlin, Dienstag, den 10. September 2019

Dr. (A) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) So sollen zum Beispiel artenreiches Grünland und Streu- (C) obstwiesen unter Schutz gestellt werden: Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich: (Zuruf der Abg. [FDP]) Die nächste Rednerin ist die Kollegin , CDU/CSU-Fraktion. raus aus der Bewirtschaftung ohne Entschädigung für die Bauern. Hier ist die Grenze überschritten! (Beifall bei der CDU/CSU) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Gitta Connemann (CDU/CSU): [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bauernkind – das bin ich, das sind mein Vater, mein Nein!) Bruder und Generationen vor uns. Meine Familie steht für Denn erst dank der Pflege durch Generationen von Land- das tägliche Brot, für das Leben in der Natur, für eine wirten ist diese Vielfalt überhaupt erst entstanden. Berufung. Bauern denken nicht in Zehnjahresplänen, son- dern in Generationen. Sie übernehmen Verantwortung für Meine Fraktion weiß: Artenschutz geht nur mit Land- ihr Land, ernähren die Menschen, und deshalb haben sie wirtschaft. Vertragsnaturschutz ist der einzig richtige Recht auf unser Vertrauen, Recht auf Respekt, Recht auf Weg. Dafür brauchen wir mehr Geld. Das sagt selbst Achtung ihres Eigentums. das Bundesamt für Naturschutz. Für meine Fraktion ist darüber hinaus klar: Es darf keinen Eingriff ohne Aus- (Beifall bei der CDU/CSU) gleich geben! Heute haben sie Existenzangst. Seit 1990 mussten (Beifall bei der CDU/CSU) 57 Prozent der Höfe aufgeben – jeder zweite. Sie kapitu- lierten – vor Niedrigpreisen, teurer Fläche, Bürokratie. Noch eines: Insekten sind nicht nur die Bienen, son- Der Rest steht heute auch an der Wand. Der Handel führt dern auch die Kirschessigfliege, der Borkenkäfer, der Ei- einen grausamen Preiskampf. Notfalls kommt die Ware chenprozessionsspinner. Sie zerstören Weinberge, Obst- eben aus dem Ausland. Wie dort produziert wird, interes- plantagen und auch Wälder oder machen krank. Deshalb siert kein Schwein. Der Verbraucher erwartet Höchstleis- muss Pflanzenschutz möglich bleiben, auch in FFH-Ge- tungen für Tiefstpreise. Der Grill darf etwas kosten, aber bieten – ideologiefrei. das Fleisch darauf nicht. Medien und Öffentlichkeit sehen (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – in der Landwirtschaft den Sündenbock der Nation: Kli- [FDP]: Dann endlich agieren!) makiller, Wasservergifter, Insektentöter. Ich kenne keinen Bauern, der Natur und Schöpfung mit (Carina Konrad [FDP]: Können wir jetzt über (B) Füßen tritt. Der öffentliche Eindruck ist aber – manchmal (D) den Haushalt reden? – Zuruf von der AfD) auch gewollt – ein anderer, gerade wenn es um Tierhal- Jeder verlangt etwas von ihnen, ohne zu wissen, wie es tung geht. Ich danke Julia Klöckner. Sie hat Jochen geht. Den Preis zahlen die Bauern, ihre Familien, das Borchert beauftragt, den Weg für die künftige Nutztier- Land, am Ende wir alle. Denn was wären wir ohne Höfe? haltung aufzuzeigen. Tierhalter brauchen Planungssicher- heit. Die Gesellschaft muss sich festlegen: Welche Tier- Aber zur Wahrheit gehört: Sie fühlen sich vom Markt haltung wollen wir in Zukunft, und was sind wir dafür zu zerrieben, von der Gesellschaft geächtet, von der Politik zahlen bereit? Wir brauchen diesen Gesellschaftsvertrag, verlassen. Ja, Politik. Hier müssen endlich alle realisie- bindend für alle, über Wahlperioden hinweg. ren: Höfe sind Betriebe. Sie müssen produzieren, was der Markt verlangt, und das ist nicht 100 Prozent Öko. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zuruf des Abg. [AfD]) Bio lässt sich nicht politisch verordnen, liebe Grüne; das ist gerade in Schweden gescheitert. Viele kennen Bauer Willi. Gegenwärtig sieht er nur noch zwei Alternativen für die Landwirtschaft: entweder (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Abwicklung – sozialverträglich wie beim Kohleausstieg – Unsere Bauern brauchen keinen staatlichen Vormund, sie oder Überlebenskampf. Ich bin froh, dass er sich mit brauchen einen fairen Rahmen. anderen dafür entschieden hat, zu kämpfen, mit einem grünen Kreuz, einer Mahnung an uns alle. Diese Rede (Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- ist für mich ein grünes Kreuz: Unsere Landwirtschaft NEN]: Geht’s noch platter? – Harald Ebner hat ihren Wert, sie ist unverzichtbar. [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was habt ihr denn zehn Jahre lang gemacht? Hättet das Prob- (Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: lem doch lösen können!) Wer regiert denn hier?) Lieber , du hattest über Dissens ge- Dafür werden wir kämpfen. Dafür gebe ich Ihnen mein sprochen. An dieser Stelle haben wir einen Dissens mit Wort als Bauernkind. dem Bundesministerium für Umwelt, wegen seines Ak- tionsprogramms Insektenschutz. Bislang ist es nur eine (Beifall bei der CDU/CSU – Britta Haßelmann Absichtserklärung. Aber die Stoßrichtung von Ministerin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seit wann re- Schulze lässt Landwirte gerade verzweifeln, und ich ver- gieren Sie eigentlich? – Harald Ebner [BÜND- stehe sie; denn es droht Enteignung durch die Hintertür. NIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein schwarz regiertes Agrarministerium seit 2005! – Britta (Zuruf der Abg. Carina Konrad [FDP]) Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode – 110. Sitzung, Berlin, Dienstag, den 10. September 2019 13611

Gitta Connemann (A) Wie viele Höfe sind eigentlich gestorben, ha- verteilungsprämie – Industrielobbyismus und damit wei- (C) ben zugemacht, seit Sie regieren? Mannomann, teres Höfesterben. auf der Nummer geht es nicht! – Gegenruf des Abg. [CDU/CSU]): Unter (Beifall bei der AfD) Ihnen gäbe es gar keine Bauern mehr!) Denn mit der Umverteilungsprämie werden in Deutschland die ersten 46 Hektar eines Betriebes stärker Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich: gefördert als die folgenden, und das mit insgesamt sage Für die AfD-Fraktion hat als Nächste das Wort die und schreibe 2 000 Euro jährlich. Mit dieser lächerlichen Kollegin Dr. Birgit Malsack-Winkemann. Summe von 2 000 Euro pro Jahr erhalten Sie nachweis- lich nicht einen einzigen Arbeitsplatz. Deutschland könn- (Beifall bei Abgeordneten der AfD) te hier mehr tun. Die EU-Regeln erlauben, bis zu 30 Pro- zent der Direktzahlungen der EU an kleine Betriebe Dr. Birgit Malsack-Winkemann (AfD): umzuverteilen. Das fordern wir, die AfD, die einzige Al- Verehrter Präsident! Werte Kollegen! Ein neuer Haus- ternative für Deutschland. halt Ernährung und Landwirtschaft – alte Probleme. Aus- gangssituation ist, dass die Förderung der Landwirtschaft (Beifall bei der AfD – Dr. Gero Clemens im Wesentlichen durch EU-Agrarsubventionen – circa Hocker [FDP]: Nicht für die Landwirtschaft!) 58 Milliarden Euro für die EU-Staaten jährlich – erfolgt, Tatsächlich sind es nur 7 Prozent, Frau Ministerin, und fast 40 Prozent des EU-Haushalts. das unter Ihrer Verantwortung. Dazu kommen seitens des Bundes in 2020 965 Millio- Dazu schützen Sie mit Ihrer Umverteilungsprämie von nen Euro für die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung lächerlichen 2 000 Euro die Großbetriebe Deutschlands. der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“, einschließ- Denn auf der Agrarministerkonferenz Ende März/Anfang lich 200 Millionen Euro für den Sonderrahmenplan „För- April in Brüssel wurde beschlossen, dass jeder Mitglied- derung der ländlichen Entwicklung“. staat, der etwas Geld für die ersten Hektar umverteilt, gerade keine Kappung bei Zahlungen ab 100 000 Euro Wer erhält das Geld? Wie nachhaltig ist die deutsche zu befürchten hat. Sie, Frau Ministerin, wissen ganz ge- Landwirtschaft? Forscher durchleuchteten für den Bun- nau, dass ein Fünftel der Agrargelder in Deutschland an destag das System und fragten, über welche Daten die nur 1 Prozent der Betriebe geht, 80 Prozent der Gelder an Politik verfügt. Das Ergebnis ist niederschmetternd: mas- nur 20 Prozent. So kassierte Südzucker 2016 Subventio- sive Nachhaltigkeitsdefizite auf allen Ebenen. Die ökolo- nen in Höhe von 1,82 Millionen Euro bei einem Gewinn gische Nachhaltigkeit habe sich sogar verschlechtert, ur- in den letzten beiden Geschäftsjahren von 300 Millionen (B) teilten Experten, wie in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Euro. Und Sie, Frau Klöckner, manifestieren dieses ge- (D) 12. Juli 2019 zu lesen war. Danach steige der Einsatz von samte marode System und seinen unerträglichen Büro- Pflanzenschutzmitteln, die Artenvielfalt nehme ab, die kratismus mit Ihrer lächerlichen Umverteilungsprämie Abhängigkeit von Futterimporten wachse. Intensive For- und lassen sich für diesen handfesten Skandal, der unsere men der Nutztierhaltung ohne Auslauf nehmen zu, und Landwirte ruiniert, sogar noch feiern. immer häufiger werden Nutztiere einseitig auf hohe Leis- tung getrimmt. Eine einzige Katastrophe! Ist das das Er- Zugrunde liegt dem allem das Prinzip „Mehr Geld für gebnis einer seit über einem Jahrzehnt angeblich so fabel- mehr Fläche“. Es führt dazu, dass europaweit Klein- haft ökologischen Landwirtschaftspolitik der CDU, Frau bauern ihre Höfe aufgeben. Allein zwischen 2005 und Klöckner? Und es geht weiter; denn die sozialen und 2016 wurden knapp 30 Prozent aller Betriebe mit ver- ökonomischen Folgen entsprechen dem ökologischen fehlter Landwirtschaftspolitik quasi staatlich eliminiert. Desaster. Die Landwirtschaft verzeichnet wie fast alle So geht es nicht weiter, Frau Ministerin. Wie wäre es anderen Schlüsselbranchen Arbeitsplatzverluste in groß- damit, die Arbeitsplatzanzahl eines Betriebs oder ökolo- em Stil. Allein von 2012 bis 2017 sank die Rinderhaltung gische Tierhaltung und Tierschutz zu honorieren und den um 18 Prozent, der Milchkuhbetrieb um 28 Prozent, und dürregeschädigten Wald unserer Heimat aufzuforsten, an- die Schweinehaltung hat sich zwischen 2007 und 2016 statt mit für den Sondermüll bestimmten ineffizienten sogar halbiert. Viele Bauern beklagen finanziellen Druck, Windrädern den Wald weiter abzuholzen? und viele wollen umsteuern, doch die Mittel fehlen. Ver- braucher in Deutschland wollen gesunde Ökolebensmit- (Beifall bei der AfD) tel aus der Region, doch Bauern finden kaum Hilfe bei der Das fordern wir, die AfD, die einzige Alternative für Umstellung ihrer Höfe auf Biohöfe. Deutschland. (Artur Auernhammer [CDU/CSU]: Oh Gott!) Stattdessen fördern Sie in der Art eines nicht mehr zu toppenden Industrielobbyismus Großbetriebe, wenn Sie Deutschland liegt beim Ökolandausbau weit hinter an- fordern, dass ein Betrieb pro Hektar Fläche nur zwei deren europäischen Ländern. 20 Prozent bis 2030 haben Großvieheinheiten halten darf, also 2 Kühe oder 20 Scha- Sie angepeilt. Und wo liegen wir, Frau Ministerin? Zwi- fe. An der Landwirtschaft verdienen Düngemittel- und schen lächerlichen 7 und 9 Prozent. Und was tun Sie, Frau Saatguthersteller, die Ernährungsindustrie und vor allem Klöckner? Sie versprechen zwar, dass Sie Umweltbelan- Marketingfirmen in großem Stil, nur nicht unsere deut- ge in Zahlungen aus Europa berücksichtigen wollen, und schen Landwirte. behaupten, dass Sie mit der sogenannten Umverteilungs- prämie kleinere und mittlere Betriebe fördern, doch in Unsere Landwirte müssen wegen immer höherer Auf- Wahrheit fördern Sie – gerade mit Ihrem System der Um- lagen täglich um ihr Überleben kämpfen. Aber mit In-